BABY FORD

Peter Ford erschien im Leipziger Elastic als einfacher Mensch. Er war groß, mit länglicher Nase und kahlem Kopf, was man irgendwie auch charakterlich mit seiner Erscheinung als Musiker verbinden kann. Als er dann auftrat, machte er das scheinbar nicht direkt wegen dem Publikum, im Gegenteil es wirkte, als würde er es nur für sich selbst wollen. Man mußte sich in mystische Monotonie und Besonnenheit versetzen, obwohl dann manchmal musikalische Fragmente tricky, weil flauschend mitrissen. Interssant war wie er mischte, indem er mit sehr langen Übergängen arbeitete und immer wieder 3-4 Platten zu einem Komplex zusammenspielte, diesen bis zum psychedelischen Höhepunkt trieb, bis er nach einem krassen Übergang einen neuen Komplex formte. So machte es sehr wechselhaft Spaß, sich in der Musik zu entfalten, den Zusammenhang mit dem Rhythmus zu suchen oder auch aus der schlichten Perzeption der Stimmung seinen eigenen Groove zu bilden und durch die Klangwelt und immer neue Intonationen zu unkonventionelleren Bewegungsvariationen geleitet zu werden. Einfach Aufarbeitung von musikalischer Atmosphäre , vielleicht progressive Einstimmung auf den Alltag. Meditaion - zu diesem Konsens kamen Peter und ich während unserem Gespräch - die für sein Leben etwas sehr ausschlaggebendes ist, genauso wie der buddhistische Glaube - jedenfalls schloß ich dies aus der Erklärung seiner Lebensauffassung. Wie dies die Musik, die er macht, beeinflußt, wollte er offenlassen. Überhaupt fand Peter Ford keine selbstverständliche Auskunft über Einflüsse für die Musik auf iFACH, einzig den Charakter dieses Labels und seines Umfeldes schätzte er als futuristisch, abstrakt, modern ... " and more of words" ein. Erkennbar wurde diese Beurteilung für mich schon mit der zweiten Produktion auf iFACH , die unbemerkt von Mark Broom stammt, wobei das Klangwort "Sympletic" unweigerlich die Wirkung der zwei Stücke und dem zusätzlichen 11 Minuten Remix bemerkt, - futuristische elektronische Musik - Techno voller Liebe und Filigranarbeit. Die Ausstrahlung des Tracks äußert mystisches durch wunderbare Verlockung, die mit dem einsetzenden Rhythmus wie Gezweig erscheint, das von lichter Sonne beschienen, unbekanntes hinter sich verbirgt. Wobei Baby Ford die These in den Raum stellte: "Techno ist das Zusammenspiel von Rhythmus und Gefühl". Die Vielfalt der Musik müßte demnach durch die Art des Zusammenspiels und den Ansatz des Gefühles und des Rhythmus hervorgebracht werden, auch könnte der Rhythmus oder das Gefühl den Auschlag für die Musik geben. Die These wird dabei nicht ausschließlich für Techno gelten, sie kann im Grunde in keinem Musikbereich ausgelassen werden, obwohl Techno einfach durch die Benutzung von Sequenzern und deren spezielles Taktieren in dieser Hinsicht eine besondere Fusion darstellt. Das Zusammenspiel zwischen Rhythmus und Gefühl bedeutet nicht bedingend, daß diese Atmosphäre konventionell durch percussionistische Elemente vollzogen wird, was mir zum Beispiel bei norwegisvcher oder isländischer Folklore - "nordische Melancholie" - aufgefallen ist. Dabei will ich jetzt nicht eigensinnig vom Thema abgehen, vielmehr die Aussage, daß iFACH stimmungsmäßig sehr tiefe Ähnlichkeiten mit dieser nordischen Musikart aufweist, anbringen. Es ist eine der mystischsten Musiken die mir bekannt ist, sie ist geprägt von der Einzigartigkeit der Landschaft deren kalter, aber klarer Ausdruck bestimmend ist, essentielle aber reflektive Erscheinungen, die sich auch bei dem Gang durch eine Herbstlandschaft über einfarbige Felder, am Horizont durch bloße, krass gewundene Baumgebilde begrenzt, durch auftretende Nebelschwaden, Abendstimmung verarbeitet in Bilder des norwegischen, expressionistischen Malers Eduard Munch. Gleichnisse mit dem eben vorgebrachten passen bei iFACH und "norwegischer Melancholie" nicht nur in die Darstellungen, auch die sozialen Hintergründe tragen Beziehungen zueinander, obwohl heirfür die Zeiten sehr unterschiedlich und meiner Ansicht nach sehr subjetiv zu sehen sind. Kunst wird zur Aufzeichung des wundervollen, zur inneren Äußerung und selbst Peter Ford sagt, das er auch durch den Hintergrund seines Glaubens das Bewußtsein für alles - Objektivität - zu entwickeln sucht, ungeachtet dessen, daß die Lieder auf iFACH/Trelik ... keiner thematischen Topik in dem Sinne unterliegen. Zudem besteht zwischen der Auffassung Peter Fords (und vielen anderen Technomusikern, wie auf Probe Records, Transmat, Blue, BUM ...) und dem ursprünglichem nordischen Expressionismus die Beziehung, daß er mir erzählte - allerdings bezogen auf seine Lebensvorstellung - dem normalen Kreislauf des Individuums zu entfliehen und viel eher belebend in viele Richtungen Expression zu finden, zu kommunizieren. Seine Sprache ist kosmopolitisch, seine Musik stilistisch neuzeitlich als elektronische Ausdrucksform. Allerdings sprechen Mark Broom, Baby Ford, wie viele andere Künstler mit ähnlicher Haltung durch die Atmosphäre und Stimmung ihrer Stücke, so werden sie wohl auch (sinnlich) vom Zuhörer wahrgenommen, reflektive Musik, die ganz selten einmal sich nicht nur sinnlich mit Zuständen und Realitätserscheinen beschäftigt und weit unüblicher als Verarbeitung von Themen vom Betrachter wahrgenommen wird. Das die Musik auf iFACH von Melancholie geleitet wird, ist weiterhin an dem Namen des Labls, der Projekte .... zu bemerken, da diese frei gestaltete Klangwörter sind. Entweder sind sie unredliche Weltsprache oder sinnliche Objektivität. Mit dieser Form von Musik will wohl auch die Einstellung von Peter konform gehen, Positives zu sehen und an dieses zu glauben und soweit ich ihn verstand von der Wirklichkeit in eine positive Wirklichkeit zu fliehen - heißt das für ihn Musik? Hier ließ ich mir seine Herkunft erzählen, daß er in Manchester groß geworden ist, viele Probleme mit seinem Vater, ein Leben mit normalen Jobs hatte und Musik zu produzieren war für ihn ein Ziel, die Flucht. Deswegen wird er wohl heute genauso wie Mark Broom, manchmal bis zu drei Wochen an einem Stück versuchen, Ideen musikalisch zu komplexen Klangfarben zusammenzustellen. Das heißt jetzt aber nicht seine Musik für allgemeinwürdig anzusehen. Just like "Music for Pleasure". Mathias Kießling


zurück zur HOMEPAGE zurück zur DATABASE
(c) 1995, Sven Haubold (sh4@irz.inf.tu-dresden.de)