CJ Bolland

S! CJ, du gehörst zweifellos zu den europäischen Technopionieren. Die Tracks von Outlander, TZ, Sonic Solution und Rave Signal haben nachhaltig die Entwicklung des Techno beeinflußt. Natürlich wollen wir da wissen, wie du damals zum Techno gekommen bist. Verrat uns doch ein wenig über deinen musikalischen Werdegang.

CJ: Puh! Da muß ich eigentlich schon mit meiner Kindheit anfangen. Also, wir waren eine sehr musikalische Familie. Und gleich vorweg - ich hatte schon immer eine Leidenschaft für elektronische Musik. Meine erste Spielzeugorgel bekam ich, als ich drei Jahre alt war. Es gibt davon übrigens ein Beweisfoto im Internet. Ich wuchs also schon immer so mit elektronischer Musik auf. Als ich acht Jahre alt war, hatten meine Eltern eine Discothek. Meine Mutter dejayte dort, mein Vater stand hinter der Bar. Als ich 15 war, hatte ich meine ersten Wochenend- und Ferienjobs und kaufte mir von dem Geld dann meinen ersten Synthesizer. Ach ja und meinen ersten Sampler - einen Mirage Ensoniqe. Ich begann, so für mich Demobänder zu produzieren. Später dann spielte ein Piratensender hier in Antwerpen meine Bänder. Es war alles noch nur so ein Hobby damals. Bis ich dann eines Tages einen Anruf aus Gent bekam, von einem gewissen Renaat. "Hör zu Mann, ich habe deine Bänder im Radio gehört und bin wirklich interessiert daran mit dir zu arbeiten." Er nahm mich dann mit in sein wirklich gewaltiges Studio und gab mir den Schlüssel und dann ging es erst richtig los.

S! Danach folgte dann deine erste Platte auf R&S?

CJ: Ja, die erste Platte war: The Project: " DO THAT DANCE". 1989 war das, glaube ich.

S! Ab diesem Zeitpunkt hast du dann bei R&S auch als Toningineur gearbeitet?

CJ: Jaaaa, ähm auch. Eigentlich habe ich mehr als Musiker gearbeitet - für mich selbst sozusagen. Ich habe dann aber auch für Dave Angel, Joey Beltram und einige andere als Techniker gearbeitet.

S! Letztlich hast du dann aber bei R&S alles hingeschmissen.

CJ: Ich habe einen neuen Plattenvertrag bekommen. Ich meine bei R&S, daß war an sich kein richtiger Job, wie du das vielleicht meinst. Ich habe einfach Musik gemacht und R&S hat sie veröffentlicht. Es war eigentlich auch nur ein Record-Deal.

S! Aha, eigentlich dachte ich immer, du wärst bei R&S so ein richtiger, tja Angestellter. Eben als Toningineur. Das ist also nicht ganz richtig, oder?

CJ: Naja, es kommt drauf an, wie man das betrachtet. Also ich war schon derjenige, der im R&S Studio gearbeitet hat, ich war wirklich der Einzige, der dort ständig gearbeitet hat. Ich bin da quasi so reingerutscht. Ich hatte damals nicht allzuviel Equipment und Renaat stellte mir das Studio für meine Produktionen zur Verfügung. Wenn dann andere Producer oder Bands kamen, die das Studio nicht kannten, habe ich dann den Toning. gespielt. Das ist schon wahr.

S! R&S war ja lange Zeit wirklich eine der dominierenden europäischen Plattenfirmen. Exzellente Produzenten, exzellente Releases und da war dann immer noch die sagenumwobene Family um Renaat. Wie war das damals bei R&S?

CJ: Hey, es war wirklich alles exzellent, Mann. Besonders am Anfang, weil da für mich alles noch so neu war. Gerade eben weil R&S so ein wahnsinnig irres Studio hatte. Wirklich Unmengen an Equipment, es war Wahnsinn. Für mich war das, als wenn ein Traum wahr wird, verstehst du? Am Anfang befand sich das Studio in der Wohnung von Renaat, genaugenommen war es in Renaats Wohnzimmer. Es war wirklich eine kleine Wohnung. Es war wirklich alles einmalig damals. Er schlief im Zimmer nebenan, während wir gerade die neuesten R&S-Platten produzierten. Früh wurde hübsch zusammen gefrühstückt und dann ging es zurück zur Arbeit. Es war verrückt. So haben wir bestimmt zwei Jahre lang gearbeitet! Ich hab wirklich wenig geschlafen damals. Später baute dann Renaat ein Haus auf einer kleinen Insel. Wir nannten es Techno-Island. Tja und dort war dann auch dieses Riesenstudio untergebracht. Seitdem war ich dann eigentlich sehr viel alleine. Hab mich auch ein wenig alleine gefühlt. Riesenhaus, Wald drumherum, du warst komplett alleine, Tag und Nacht, 24 Stunden am Tag. Ich fühlte mich tatsächlich etwas einsam da draußen. Ich begann dann meine ersten Kooperationen mit Steve Cobb - wir gründeten Sonic Solutions. Ich habe zu jener Zeit auch nicht mehr so viel Musik für mich gemacht, weil ich da draußen fast verrückt wurde. Ich habe angefangen mit meinen Synthesizern zu reden, verstehst du Mann? Aber es war wirklich eine gute Zeit bei R&S.

S! Wenn es bei R&S so gut lief, wieso bist du dann weggegangen?

CJ: Seit Anfang dieses Jahres bekam ich eine Menge Angebote von anderen Plattenfirmen. Unter anderem auch Polygram, ein Major, die mir einen Deal anboten, bei ihnen 5 Alben zu machen. Ich zeigte Renaat dieses Angebot und wir haben es diskutiert. Er meinte zu mir, daß er keine Möglichkeiten hat, dieses Angebot zu halten. Er sagte mir, daß dieser Deal sehr interessant ist und er für meine Entwicklung wirklich sehr förderlich sein könnte. Er wollte mich zwar nicht verlieren, hat mir aber trotzdem auch zu diesem Deal geraten.

S! Wie ist der Kontakt zu Renaat im Moment?

CJ: Wir stehen regelmäßig in Kontakt. Schon aus dem Grund, daß mein alter R&S Vertrag eine Option für 5 weitere Platten vorsieht. Das bedeutet also, daß ich nach der Kündigung meines Plattenvertrages 5 weitere Platten bei R&S mache. Und da ich noch jede Menge unreleaste Tracks aus der Zeit bei R&S habe, wird Renaat ein weiteres Album von mir in ein paar Monaten veröffentlichen.

S! Glaubst du, daß sich die Tracks, die du bei R&S gemacht hast und das Material was für Polydor ist, sich unterscheiden werden?

CJ: Natürlich unterscheiden die sich, aber nicht weil ich jetzt auf einem anderen Label erscheine, sondern vielmehr weil ich mich ja auch weiterentwickelt habe. Ich bin einfach ein paar Jahre älter geworden. Wenn ich immer noch bei R&S arbeiten würde, wären die Tracks wahrscheinlich auch nicht anders ausgefallen. Wenn meine neuen Produktionen wirklich anders klingen, so liegt das wirklich nur daran, daß ich nun zwei Jahre älter bin, mir andere Platten kaufe, mein musikalischer Geschmack sich einfach etwas verändert hat. Es klingt vielleicht etwas anders, aber es hat nicht mit dem Labelwechsel zu tun.

S! Es ist jetzt aber nicht so, daß man bei Polydor von dir etwas bestimmtes erwartet?

CJ: Nein, nein, nein ...., wirklich nicht!

S! Du kannst nach wie vor machen, was du willst?

CJ: Aber natürlich! Das war für mich das absolut dominierende Thema beim Vertragsabschluß, daß ich totale Freiheit habe. Weil, ich sah das schon so vor mir: Major Artist signs Major Record Deal..., endet dann irgendwo bei einem popmusikproduzierenden Aphex Twin. No, no, no, no way!

S!: Was passiert jetzt mit deinen anderen Projekten?

CJ: Ich bin momentan so mit dem Album für Internal beschäftigt, daß meine anderen Projekte im Moment wirklich weniger bedeutend für mich sind. Ich habe eben auf Prioritäten zu achten. Und die höchste Priorität hat im Moment einfach mein Album für Internal. Wenn dieses Album mal fertig sein sollte, dann vielleicht könnte ich ja wieder versuchen, diese Projekte wiederzubeleben, vielleicht bekomme ich es ja auch hin, meine verschiedensten Projekte an verschiedene Labels zu binden. Aber das ist erstmal Zukunftsmusik, vielleicht wenn der größte Teil der Arbeit geschafft ist.

S! Du warst einmal der Inbegriff für harten Techno. Deine erste Platte auf Internal hingegen ist doch ruhiger und auch melodischer als deine früheren Werke.

CJ: Waaaas? Was hört ihr denn sonst so in Ostdeutschland?

S! Hmmpf????

CJ: Ich finde schon, daß das ziemlich hart ist. O.K. auch ein wenig mellow. Aber eigentlich mag ich mehr die harten Sachen, ich lege auch sehr hart auf.

S! Ja, ich weiß, ich habe dich mal in Freiberg erlebt, daß war wirklich ziemlich hart.

CJ: Ich erinnere mich noch gut an Freiberg. Aber auflegen und produzieren sind dann doch verschiedene Dinge. Wenn man im Studio ist, geht man anders an die Musik heran. Mag wirklich sein, daß ich nicht mehr ganz so hart bin. Man verändert sich eben. Auf R&S wird von mir ein Album erscheinen: "Electronic Highways", das wird sehr speziell ausfallen. Keine Clubmusic, sondern vielmehr Listening Music, also mehr Musik für die Seele als für den Dancefloor. Ich denke, daß ich auf Internal verschiedene Sachen machen werde. Richtig harte, definitiv harte Dancetracks, oder eben auch andere Sachen. 110 bpm - Freestylebeats, irgendsowas. Ich werde alles machen. Weißt du, ich bin einfach nicht mehr der Meinung, daß ich irgendwas so oder so, für irgendjemanden - die Leute auf dem Dancefloor - oder sonst jemanden, tun muß. Ich mache Musik. Ich werde eben das machen, wozu ich Lust habe und was mir im Studio so passiert. Aber, eigentlich denke ich schon, das meine erste Internal hart ist.

S! Wie siehst du eigentlich die Entwicklung von Hardcore? Was sagt der Outlander zu Gabber?

CJ: Also, mal im Ernst. Ich denke es ist Müll! Bullshit! Jeder Arsch sampelt. Es hat wirklich nichts, aber auch gar nichts mehr damit zu tun, wie das mal begann. Jeder Arsch will eine Platte rausbringen, Kohle verdienen, sampelt, alles klingt gleich, weil alle mit denselben Sounds arbeiten. Der sampelt den und der den, das selbe Sample, immer und immer wieder, die selbe Bassline, derselbe Beat. Stinklangweilig. O.K. es gibt nach wie vor schon noch ein paar Producer, die wirklich gute Sachen machen. Aber 80% der Sachen, die im Moment erscheinen, sind doch Müll. Eigentlich eine große Schande, für die ganze Technobewegung.

S! Was ist mit der belgischen Hardcorebewegung passiert?

CJ: Häh, welche belgische Hardcorebewegung (lacht!)?

S! Na, aber hör mal, ich kann mich noch gut an Hammertracks von einem Herrn Frank de Wulf oder Insider erinnern. Belgium Hardore Traxx und so weiter!

CJ: O.k., ich werd dir sagen was mit Frank de Wulf und Insider und den anderen passiert ist. Die sitzen in ihren Studios und können es nicht glauben, was für eine Oberscheiße in den Discotheken überall läuft. Das ist echt wahr, verstehst du? Fünf Minuten bevor du anriefst, hatte ich Insider am Telefon. Der sagte mir: Ey CJ, ich halt's nicht mehr aus, es ist einfach zuviel! Es gibt nur noch Müll und das schlimmste ist, daß die Leute in den Clubs diesen Müll auch noch wirklich hören wollen.

S! Ist es also bei euch inzwischen auch so, daß in jeder idiotischen Disco Technomüll läuft?

CJ: (Lacht!) Eigentlich muß man sagen, daß es gar keine idiotischen Discos mehr gibt, weil irgendwie jede Disco ein Technoclub geworden ist. Aber Techno - du weißt schon, was die da spielen. Im Moment spielen gerade mal wieder alle House, House, House.

S! Was siehst du da in Zukunft noch auf uns zu kommen?

CJ: Ich weiß es nicht. Es ist wirklich schwer zu sagen, was noch alles passiert. Weißt du, vor zwei Jahren, als der Müll wirklich überhand nahm und man überall immer mehr bad vibes verspüren konnte, da hab ich dem ganzen noch ein, maximal zwei Jahre gegeben. Ich lag aber völlig falsch, weil es eben immer noch da ist, obwohl der Schrott wirklich zusehends mehr wird. Das, was wir so gern als underground music bezeichneten, ist heute Popmusik. Was für uns zu tun bleibt, ist einen neuen Underground zu kreieren. Für mich persönlich heißt das eben, eine neue Art von Musik zu produzieren. Wenn mich dabei einer fragt: Ey CJ, was für'n Zeug produzierst du da eigentlich? kann ich wirklich nur sagen, daß es mich wirklich nicht berührt was andere jetzt davon halten. Sie werden es schon merken. Ist in etwa die selbe Situation wie ganz am Anfang. Keiner machte damals in Belgien diesen Sound wie ich. Ich wurde oft belächelt, man hat mich für bescheuert gehalten, wen juckt's, ich hab's durchgezogen und das werde ich auch immer wieder so machen.

S! Rave-Overkill.

CJ: Der wird ganz sicher kommen. Obwohl man auch sehen muß, daß Ravemusic ja wirklich für Kids ist. 14, 15, 16 Jahre alt, weil alle ihre Freunde es toll finden, mögen sie es eben auch. Irgendwann kommen die mal in ein Alter, in dem sie entweder aussteigen, oder in die Clubszene tauchen. Aber den Rave-Overkill wird es sicher geben.

S! O.K. zu einem anderen Thema. Du bist bekannt dafür, daß du dich für Science-Fiction interessierst. Was sind deine Lieblingsautoren?

CJ: No, no, no, ich lese nicht oder kaum, ich sehe! Mein Lieblingsfilm: Lawnmower Man.

S! Kennst du Brazil?

CJ: Aber klar doch!! Wicked!

S! Zu einem neuen Projekt von Studio K7: DJ Kicks, welches ja mit einem Werk von dir debutierte.

CJ: DJ Kicks ist halt eine Serie, wo ein bekannter DJ einen Mix macht, der auf CD erscheint und außerdem wird von K7 zu einem Track ein Video produziert. Ich erzähle dir, wie ich dazu gekommen bin. Es war in Berlin, das Wochenende an dem der MTV Music Awards war. Da gab's eine Party im E-Werk, auf der ich gedreht habe. Und Horst Weisemüller, der Chef von K7 war auch auf der Party. Ich traf ihn aber nicht auf der Party sondern erst später, als wir zufällig im selben Taxi saßen. Wir haben uns bekannt gemacht und nett unterhalten. Er erzählte mir über dieses Projekt DJ Kicks. Ich fand es cool und er meinte, er würde mich kontakten wenn es losgeht. 2- 3 Monate später rief er wirklich an, fragte ob ich noch Lust habe und das wars. Ich konnte selber auswählen, welche Tracks, es war cool.

S! Kannst du uns verraten, wer den nächsten macht?

CJ: Ich hab's gehört, aber jetzt eben gerade vergessen. (Lacht!)

S! Hast du eigentlich Vorbilder?

CJ: Klar! Luke Slater und Dave Angel.

S! Was ist denn das faszinierende an Dave für dich?

CJ: Weiß ich nicht. Der Grund, daß ich zu Dave immer aufgeschaut habe, ist wahrscheinlich die Art und Weise, wie wir uns kennengelernt haben. Ich habe gerade angefangen bei R&S zu arbeiten und Dave begann gerade in London zu Dj-en. Irgendwann hat Renaat Dave aus London mitgebracht. Er hat uns bekannt gemacht und ich war damals sehr schüchtern. Wir sollten zusammen arbeiten, doch bevor es losging, zeigte er mir ein paar Platten die er mochte, um mich so auf seinen Trip zu bringen. Und ich war wirklich voll weg. Sowas hatte ich noch nie gehört, Tracks wie von einem anderen Planeten. Underground Resistance. Und er konnte mixen, für mich ist er immer noch der beste DJ, den es gibt. Später produzierten wir zusammen, er hatte ständig neue Ideen und er wußte immer ganz genau was er wollte.

S! Zu guter letzt: Was kommt demnächst von CJ Bolland?

CJ: Das kommt drauf an, wer nun schneller ist. Internal oder R&S. Das Album für R&S "Electronic Highways" ist fertig. Das für Internal eigentlich auch. Dann kommen noch zwei 12" auf R&S vor dem Album.


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(c) 1995, Sven Haubold (sh4@irz.inf.tu-dresden.de)