DROME


Nonplace Urban Field = Some More Crime = Drome
Der Name Bernd Friedmann wird vielleicht wenigen geläufig sein, eher die Namen, unter denen er Musik macht. Seine Produktionen sind Kombinationen vieler verschiedener Stilelemente und Klangarten mit unglaublich schnellen Szenenwechseln. Zudem verfugt mit unzähligen Samples, setzt einen diese Musik einer Reizüberflutung aus, als wolle sie alle Botschaften auf einmal übermitteln. Aber sie enthält keine Botschaften. Sie enthält keine Botschaften, weil ihr Produzent keine hineingetan hat, denn er sieht sich nicht als einen Botschafter. Bernd Friedmann ist ein Klangforscher und zudem ein hochinteressanter Mensch. So ist das Interview ein sehr philosophisches geworden.

S2: Du hast verschiedene Projekte, drei an der Zahl. Das sind Drome, Nonplace Urban Field und Some More Crime. Wo erscheinen eigentlich die Produktionen dieser Projekte?

BF: Drome erscheint auf Play It Again Sam Deutschland beziehungsweise Kiff SM, und Nonplace Urban Field sowie Some More Crime bei Incoming in Nürnberg. Die früheren Sachen sind auf ZZO rausgekommen, was auch in Nürnberg war.

S1: Du wohnst jetzt in Köln. Ich kann mich noch gut erinnern an ein Interview mit Lopez und Drome in Kassel. Wart ihr früher Kasseler? Seid ihr umgezogen?

BF: Ich bin umgezogen, ja.

S1: Damals wart ihr noch zu dritt, jetzt bist du allein Warum habt ihr euch getrennt?

BF:Das hat unter anderem mit dem Umzug zu tun. Wir hatten zu zweit die Musik gemacht, für die erste Platte vor allen Dingen, und dabei hat es sich ergeben,daß jeder sein eigenes Studio aufgebaut hat. Ich habe mehr experimentiert und der Frank wollte richtig Geld verdienen. Dann erschien die zweite Drome, die ich ganz alleine gemacht hatte, wo aber beide Namen draufstanden. Frank stand gar nicht mehr so auf die Musik, wie ich sie weiterentwickelt hatte. Das war das eine, und dann hatte ich schon lange geplant, nach Köln zu ziehen.

S1: Köln ist musikermäßig dichter besiedelt, oder? Dort gibt es ja ein richtiges Musikerumfeld...

BF:Ja, es ist Wahnsinn, was hier so los ist. Allein in dem Stadtgebiet, wo ich wohne, gibt es drei Leute, die interessante Musik machen, einen Plattenladen und interessante Clubs.

S1: Als ich die Drome-CD gehört habe, ist mir aufgefallen, daß es scheint, als hätten da zehn verschiedene Leute produziert. Da geht es von Ethno-Elementen bis Jazz. Da stellt sich die Frage:Was hörst du sonst so privat und wie arbeitest du, wenn du ein Stück machst?

BF: Also, diese Etikettierung wie jazzige Elemente oder Ethno-Sound, das gibt's bei mir gar nicht. Ich höre also grundsätzlich Musik, die, egal wie man sie nennt, komplex ist, zunächst nicht überschaubar oder so interessant, daß mich das fesselt, weil ich die Strukturen nicht erkenne. Wenn ich mir primitivere Pattern anhöre, langweilt mich das nach zwei, drei Wiederholungen. Ich höre im Grunde genommen alles, was überraschend und vielschichtig komponiert ist; ob das Geräuschcollagen oder ganz zarte gesungene Songs - spielt überhaupt keine Rolle.

S1: Wenn du produzierst - hast du vorher im Kopf, was du machen willst, oder ist es so, daß du irgendwas versuchst?

BF: Ich habe überhaupt nicht im Kopf, was ich machen will. Es gibt eine leise Ahnung von ein paar Sounds von denen, die ich gesammelt habe. Ich sammle schon ewig Disketten. In dem Moment, wo ich produzieren will, greife ich mir bestimmte Disketten heraus, auf denen die einen oder anderen Sounds sind, aber damit lege ich mich noch nicht fest; das ist nur erstmal eine Auswahl. Das Interessante am Produzieren ist, die Sounds zusammenzufügen. Das entwickelt sich Schritt für Schritt, jenachdem, wie mir das gefällt, was ich höre. Ich bin auf Wirkungen aus. Auf der Suche nach dem größtmöglichen Effekt. Nicht Spezialeffekt, sondern dem Effekt, daß mich das überrascht, daß da was passiert, daß man da hinhören muß, daß es mich da hineinzieht. Deswegen auch diese vielen Ebenen.

S1: Was auch auffällt an deinen Sachen, ist, daß du wie ein Verrückter sampelst. Woher kommen all diese Samples? Läufst du viel mit dem Recorder durch die Gegend?

BF: Mittlerweile nehme ich nicht mehr viel auf, da sich schon eine Menge auf Tape angesammelt hat. Ich gehe dazu über, meine eigenen Aufnahmen zu sampeln, während bei früheren Platten, zum Beispiel von Some More Crime, viel von allen möglichen Medien gesampelt wurde, vom Fernsehen und so. Ich habe mir auch viel schicken lassen von Leuten, die etwas interessantes gesehen haben. Einmal haben wir aus Kanada ein Tape bekommen, von jemanden, die Werbecassette einer Firma , die Specialities Merchandise Corporation heißt.Der hat das Tape hergeschickt. Da sind wunderschöne Self-Unknownment-Parts drauf, weil die sich manchmal auch SMC nennen, was auch Some More Crime heißen kann. Und so wächst die Sammlung ständig. Dann gibt es jemanden in Seattle, der laufend den Polizeifunk scannt und Tapes schickt. Also ist das Sampeln weniger eigene Arbeit. Ansonsten wird alles gesampelt, was interessant ist,egal,ob das jetzt auf CD ist oder draußen auf der Strasse.

S!:: Hast du damit schon mal Ärger bekommen?

BF: Ärger? Bis jetzt nicht, komischerweise. Aber ich denke, wenn das nicht so besonders verbreitet wird, muß man nicht unbedingt Ärger bekommen. Wenn ich jetzt wirklich viel Geld damit machen würde, dann könnte es schon passieren, daß ich Ärger kriege, aber dann macht es auch nichts.

S2: Nach welchem Konzept werden die einzelnen Bausteine in deinen Stücken zusammengefügt und kombiniert mit Instrumenten, die auch natürlicher Herkunft sind? Ganz allein nach ästhetischen Gesichtspunkten. So, wie es mir gefällt. Ansonsten gibt es kein Konzept. Es soll nicht mehr nachvollziehbar sein, was das Ganze eigentlich soll und man soll nicht von Genres reden können. Ich bin der Meinung , daß da eine gewisse Autorenschaft dahintersteckt, das heißt, in dem Moment, wenn man über Musik redet, müßte man eigentlich denjenigen, der sie macht, beim Namen nennen, und nicht irgendein Genre. Ich baue auch bewußt Überraschungen ein, damit das nicht so etikettiert werden kann. Bei Some More Crime greife ich absichtlich genau ein Klischee auf - ob ich das nun sample oder nachprogrammiere -, damit Musik über Musik entsteht, Musik über Klischees, und nicht die Musik in einem Klischee drinsteckt.

S2: Ist das noch elektronische Musik in deinen Augen oder eher eine Verknüpfung aller möglicher Arten von Musik?

BF: Elektronische Musik verfehlt das schon. Ich arbeite ja auch sehr viel mit akustischen Instrumenten. Das ist, sozusagen...im weitesten Sinne...

S2: ...Musik eben.

BF: Ja, Popmusik würde ich sagen. Ernste Musik ist es auch nicht, dafür ist sie zu angelehnt an gängige Muster. Aber ich möchte ja, daß sie viele hören. So muß ich eine Annäherung schaffen mit Mitteln, die bekannt sind und auf die sich alle einigen können. Andererseits will ich damit auch brechen, um etwas Ungeahntes, Neues zu schaffen. Nur, wenn ich mich jetzt völlig verweigern würde, was mir eigentlich lieber wäre, und würde diese ganzen Strukturen verwerfen, dann könnte ich nur für mich selbst Musik machen. Wenn es eine CD gibt, dann möchte ich schon, daß es einen Sinn macht. Daß die veröffentlicht wird. Daß ein anderer auch was damit anfangen kann. Ihr kennt das ja sicher auch, daß man gezwungen ist, Scheißmusik zu hören, sei es im Radio oder in einem Club, aber selber gar keine Chance hat, seine eigenen Vorlieben umzusetzen oder sich in dem zu etablieren, was man gerne machen möchte. Das finde ich wirklich bedenkenswert. Das ist eine ziemlich schlechte Voraussetzung, so daß die Leute, die sowas hören, sich eben nicht dem aussetzen, was es sonst noch gibt, was anders ist und vielleicht interessanter wäre. Umgekehrt aber wird einem diese Musik regelrecht reingeknüppelt. Das ist Unverhältnismäßigkeit.

S2: Ich wollte nochmal aufgreifen, was du vorhin gesagt hast, daß diese Musik auf herkömmlichen Rastern basiert. Läßt sich das auch auf die Tanzbarkeit zum Beispiel von Drome-Platten beziehen?

BF: Einen 4/4-Takt gibt es. Bassdrums, Snaredrums, das sind für mich herkömmliche Muster, auch wenn es unklarer programmiert ist. Jungle wäre vor fünf Jahren oder längerer Zeit bestimmt nicht tanzbar gewesen, weil es damals vielleicht zu schnell und zu anstrengend war, und zählt heute zu den gängigen Mustern. Und so, denke ich, daß jede Musik etwas aufweist, was einem Zitat gleichkommt. Jetzt würde man von irgendwelchen Trip-Hop Rhythmen sprechen, wobei diejenigen, die bei, was weiß ich, Ninja Tune vor zwei Jahren damit angefangen haben, die wollten eigentlich keinen Trip Hop machen, die kommen eher aus dem Funk-Bereich, James Brown, und die stehen eben auf diese schwarzen Grooves, bißchen runtergetunt.

S1: Ist der Track "Electric" in der Beziehung ein Versuch, vielleicht mal was ganz anderes zu versuchen?

BF: Ja, genau. Das ist für mich ein richtiges Death-Metal-Stück.

S1: Wie ist das so entstanden?

BF: Ich hatte drei Tage den Stefan Hendrik aus Bremen da, der spielt Digeridoo. Das hat mich an diese Death-Metal-Sounds erinnert. Da habe ich auch einfach so einen schweren, langsamen Rhythmus programmiert und plötzlich war das für mich Rock. Richtig schwer und fies. Ich habe das Klischee weiterverfolgt, nur mit anderen Instrumenten. Das geht schon in Richtung Rock oder eben herkömmlicher Muster. Nur im Gegensatz zu den anderen Stücken ist es voll daneben. Ich hatte deswegen auch Ärger mit dem Label, denn ich wollte es gleich zuerst auf der Platte haben.

S1: Was meint der Name "Dromed" eigentlich?

BF: Nun, wir haben darüber geredet, daß es mir wichtig ist, keine Genres aufzumachen, wie Ambient, Trip Hop oder Dub, sondern eben vielleicht einfach nur "Drome". Dann ist diese Platte "dromed", das ist ja eigentlich ein Eigenschaftswort, welches genausogut "bedröhnt" heißen könnte oder "von Drome gemacht". Deswegen "Dromed". Es gibt ja auch "stoned". Diese Nähe ist natürlich auch da.

S1: Deswegen habe ich auch gefragt. Wenn du sagst, du stehst darauf, aus den verschiedensten Medien Sachen zusammenzupuzzlen; bist du ein richtiger Medien-Junkee? Ziehst du dir in der Beziehung auch viel rein? Filme, Fernsehen - alles mögliche?

BF: Nee, also es gibt Phasen, da setze ich mich dem ganz brutal aus. Nicht, um was zu samplen; mit der Absicht gehe ich sowieso nicht ran. Wenn, dann passiert sowas plötzlich. Ich lasse den Videorecorder laufen und wenn was passiert, bin ich froh, daß ich es aufgenommen hab', aber ich setze mich nicht davor, um was zu finden oder aufzugreifen. Dieses Sich-der Flut-aussetzen geht bei mir eher so, daß ich entweder gar nichts höre, nicht mal Musik,tagelang, wochenlang, und manchmal volles Programm von jeder Seite.

S1: Weil, deine Stücke entsprechen irgendwie dem, was momentan so passiert, dieser Überflutung von Informationen. Die spiegelt sich irgendwie schon darin wieder.

BF: Ja?

S1: Find' ich schon. Deswegen, weil so viele Sachen auf einen einstürzen. Der Effekt ist natürlich dann am größten, wenn man es zum ersten Mal hört. Wenn man es öfter hört, finde ich, nimmt das dann ab, weil man bestimmte Passagen kennt beziehungsweise wiedererkennt.

BF: Das ist ja interessant. Ich finde das ziemlich ruhig und gar nicht überfordernd. Für mich ist es aber wichtig, sowas zu hören, weil der Prozeß, ein Stück aufzunehmen, kann eine Woche dauern. Dieses "Euro Tunnel", das lange Stück, das hat drei Wochen gedauert, In dem Entstehungsprozeß lerne ich ein Stück dermaßen gut kennen, daß es für jemand anders eine Überforderung sein kann. Deswegen ist es ganz wichtig, zu hören, was ich eigentlich gemacht habe. Das merke ich ja meistens selber nicht. Ich hätte es dann am liebsten noch voller gepackt, um mich selber noch zu kicken.

S1: Das kann ich mir schon vorstellen. Ich denke auch, daß der Grundtenor eher ruhig ist; ich empfinde beim Hören auch eine ruhige, beschwingende Stimmung. Aber es hebt sich durch diese wirklich krasse Aneinanderreihung von anderen Sachen enorm ab.

BF: Jaja, verstehe. Dieses Aufeinanderprallen. Von Kanal zu Kanal switchen....

S1: ...deswegen kam ich auf die Frage mit der Informationsüberflutung; ob es dann so ist, daß du dich dem hingibst.

BF: Überhaupt nicht, nee. Ich denke, daß sich niemand dem aussetzt. Es ist doch mehr eine Art von Entspannung. Oder Trance.

S2: Für die Leute, die mit solcher Musik schon vertraut sind, ist das freilich keine Reizüberflutung, wie es das für die ist, die konventionelle Musik konsumieren. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie einen die Musik öffnet. Wie man dann Sachen plötzlich ganz anders sieht. BF: Passiert das noch?

S2: Bei mir persönlich passiert das schon. Seitdem ich diese Musik höre, sehe ich einige Sachen doch schon anders.

BF: Würden dir da ein paar Sachen einfallen? Das würde mich mal interessieren, was da so einen Kick verursacht hat.

S2: Bei bestimmten Musikarten hake ich schon automatisch für mich etwas ab und sage, das reicht mir nicht vom Klang her. Wie du vorhin schon gesagt hast, hörst du ja auch lieber Musik, die ein bestimmtes Niveau hat. Man hört nur noch Musik gern, die einen tieferen Grund hat. So wie es dir geht, so geht es uns halt auch.

BF: Tieferer Grund halte ich eigentlich nicht für die geeignete Metapher, um das zu beschreiben, weil, ich hab' nichts gegen Oberflächen. Generell. Wenn etwas ästhetisch prima und effektvoll gemacht ist, dann mag ich das sehr, auch da überhaupt nichts dabei ist, was du tief nennen würdest. Besser klingt vielleicht, daß es noch Sachen gibt, wo man hinhören kann und hört, daß da was passiert.

S1: Bei mir ist das eher so, daß ich für mich Musik ablehne, die versucht, mit bestimmten Mitteln bestimmte Effekte erreichen will, die plauzig ist und tolpatschig auf den Punkt kommen will, und finde die Sachen richtig faszinierend, die auf diese Mittel verzichtet und mit minimalen Mitteln trotzdem einen Effekt erreicht; Musik, in der ich beim zweiten Anhören immer noch etwas Neues entdecke. Also...naja, man müßte jetzt eine Platte zeigen. Ich weiß nicht, ob du sie kennst, da gab es mal eine Scheibe auf Reflective, die nennt sich "Wechselspannung", wo sich die ganze Zeit eine Sequenz durchzieht (man könnte es als Ambient bezeichnen), die sich nur minimal ändert. Das faszinert mich irgendwie und sowas finde ich im Endeffekt spannender.
Wie hast du eigentlich angefangen, Musik zu machen? Was hast du zum Beispiel beruflöich gemacht?

BF: Beruflich? Nee, also... Ich kann es dir genau sagen, weil ich mich in den letzten drei Wochen durch alte Tapes durchgehört habe, weil ich am Montag einem Abend mache und sowas auflege. Das heißt "Selected Gummiworks". Der Name geht darauf zurück, daß ich 1978 angefangen habe, da war ich so zwischen 13 und 15, Instrumente selberzubauen. Gummibandgitarre aus Schuhkarton und Gummibändern, Tamborin und Flöte und dann darauf rumgehämmert.

S1:Das waren so die ersten musikalischen Versuche?

BF: Ja, genau. Ich habe davon gleich Tapes gemacht, weil ich die Gummibandgitarre über ein Tapedeck verstärken mußte, um überhaupt was zu hören. Zwischen 1978 und 1982 habe ich an die vierhundert Tapes aufgenommen. Das sind völlig primitive Nachäffereien von der Musik, die ich damals gehört habe. Ich habe zu der Zeit Iron Maiden gehört, eigentlich alles querbeet, was ich kriegen konnte; ich war ja mit dreizehn noch kein Experte. Und dann habe ich, wie gesagt, mit dem Schlagzeug angefangen, in einer Band zu spielen. So Richtung Talking Heads. Dann ging es erstmal ziemlich rund, da ich wie jetzt mehrere Projekte gleichzeitig hatte; immer dahingehend orientiert, was live zu machen. Wir haben Konzerte gegeben, soviel wie möglich. Das Prinzip war, Sessions zu machen und vorher nichts festzulegen, also Musik zu improvisieren. Vorher wurden Joints verteilt, fast rituell. Ich hab das einmal gemacht, weil es ein intimeres Publikum war und wir uns alle kannten. Es ging mir nicht darum, daß alle stoned sein müssen, um die Musik zu ertragen. Ich wollte das Verhältnis Publikum - Bühne auflockern. Man hätte auch zusammen essen können. Es ging darum , eine Gemeinschaft zu bilden, was nicht einfach ist, wenn einer produziert und die andern es sich anhören.

S!: Was hast du eigentlich in England gemacht?

BF: Das war im Juni 1994, als ich eingeladen wurde von Ninja Tune. Aber da brauchte ich nur anwesend sein, zwecks neuer Kontakte. Ich hatte einige Geräte mitgenommen, das hätte ich auch lassen können. Die Konzerte waren eher Chill Out's, und Ninja Tune hat immer alles, was an Projektoren und visuellem Material vorrätig war, zusammengetragen und alles dort aufgebaut. Dann wurde dort gejammt, ohne daß gesagt wurde, wer wann spielt.

S!: Hattest du schon immer gute Kontakte nach England?

BF: Nein. John Peel hatte diese Some More Crime gehört und die zur Platte des Jahres erkoren in seiner Sendung. Das war ein richtiger Erfolg, ohne daß ich Kontakt nach England hatte. Der kam dann durch Ninja Tune zustande, als die beim Label anriefen und die Platte haben wollten. Es gibt jetzt eine neue Platte auf Touch, dem Label von Richard Kirk. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt.

S!: Das mit Ash International.....?

BF: Ja, auf Ash erscheint jetzt eine Platte unter "Bernd Friedmann", die heißt "Erholungsgebiete". Der Kontakt zu Ash entstand auch während der England-Tournee.

S!: Ash ist ein hochineressantes Label Wir sind vor einem Monat darauf gestoßen und finden sehr interessant, was dort so an Platten erscheint.

BF: Es ist bemerkenswert, daß ihr da überhaupt was gefunden habt. Klasse. Und das, was ich da gemacht habe, ist die Nachfolgeveröffentlichung der Aurobindo, heißt wie schon gesagt "Erholungsgebiete" und enthält ein Stück mit 77 Minuten Länge, welches auch die Frage aufwirft: Ist das jetzt Musik oder nicht? Das ist, im Gegensatz zu Drome wirklich konzeptuell.

S2: Wie definierst du Musik allgemein für dich?

BF: So wie diese Arbeit. Hier habe ich Geräusche organisiert, aber so organisiert, daß man meinen könnte,es sei nichts komponiert daran, und doch passiert ständig was, was erzeugt ist, was willentlich, absichtlich so gebogen ist. Aber so unterschwellig, daß man jetzt nicht weiß - ich weiß selber auch nicht, wie ich das sehen soll, denn das Umgehen mit den Sounds passiert bei mir automatisch; daß nichts zu laut wird, nichts verschwindet, nichts störendes dabei ist. Musik würde ich nicht dort definieren, wo man in der Realität einen Zufall vorfindet, wenn man zum Beispiel in der Landschaft steht und ein Auto vorbeifährt. Wo Geräusche passieren, die nicht organisiert sind. Musik fängt für mich dort an, wo diese Geräusche organisiert sind; beim organisierten Klang. John Cage ist genau die Grenze, er sagt, man braucht keinen, der Musik macht, sondern das, was man vorfindet, ist, wenn auch nicht komponiert, bereits Musik und so zu respektieren und zu akzeptieren. Das würde ich widerlegen und sagen, es gibt noch etwas, was anzuhören mehr Sinn macht. Mich nerven diese Sound immens, vom Auto bis zur Kaffeemaschine und zum Kühlschrank. Ich kann da nicht wie John Cage rangehen und offen dafür sein, weil alles seine Berechtigung hat. Diese Sounds, genauso wie Motorengeräusche, sind designt. Zumindest hat man Zeit daran verschwendet, irgendwas was zu designen, wenn auch nicht unbedingt den Sound.

S2: Mit anderen Worten ist Musik für dich durchaus beabsichtigt, wenn auch nicht begründet.

BF: Ich finde Musik nicht einfach so vor. Sie muß schon gemacht sein. Wenn es Sounddesigner für Kühlschränke gäbe, oder für Kaffeemaschinen, die sich überlegen, wie die Teile klingen, wenn es irgend einen Eingriff gegeben hat, dann würde ich es als Musik akzeptieren. S2: Diese Designs von Klängen, die Verknüpfungen von Tönen, müssen die immer harmonisch sein für dich? Oder ästhetisch?

BF: Ästhetisch hat zwei verschiedene Bedeutungen, von denen nur eine richtig ist. Alles, was Ästhetik betrifft, betrifft die Wahrnehmungen. Ästehtische Phänomene entstehen, weil der Mensch etwas aktiv wahrnimmt. Wobei es nicht das Objekt ist, was den Effekt hervorruft, sondern das wahrnehmende System des Menschen. Diese Wechselbeziehung ist die Ästhetik und nicht die Ästhetik als die Lehre des Schönen. Das Schöne hat mit Ästhetik überhaupt nichts zu tun, obwohl man stets das Wort Ästhetik benutzt. Ästhetik kommt von dem griechischen Wort Aesthesis, was Wahrnehmung bedeutet, hat also mit dem Prozeß zu tun, wenn man etwas aktiv wahrnimmt. Formen, Farben, Licht und Klang; also keine symbolischen Wahrnehmungen wie Texte. Harmonie ist für mich eine individuelle subjektive Sache und nicht etwas, was universell Gültigkeit haben könnte. Wenn man sich Musik aus Bali oder den Pygmäen oder Kuba anhört, dann findet man dort ganz andere harmonische Systeme. Harmonie ist also etwas ganz Individuelles. Ich habe mein Gehör in der Beziehung versaut. Wenn ich Musik studiert hätte, würde ich jetzt wahrschwinlich viel harmonischere Musik machen.

S2: Ich würde nicht von einer Gehörversauung sprechen, da ich denke, daß man auch viel offener wird für die Musik anderer Völker.

BF: Ich würde das noch begründen wollen. Es ist ein Raster. Das chromatische Tonsystem hat zwölf Tone. Man das es natürlich aufsplitten und erhält dann ein mikrotonales Raster mit Halb- oder Vierteltonschritten. Das ist nur eine Frage des Rasters, welches man darüberstülpt; welches zwischen Menschen vermittelbare System wird integriert, um sich darüber zu verständigen. Man eieigt sich wie in der Sprache auf bestimmte Begriffe, auf eine symbolische Ordnung. Und diese ist hier so und woanders anders, weil sich diese Kulturen nicht begegnet sind. Zum Glück. Ich meine, ich habe mein Gehör versaut, weil diese Gummibandgitarre abartig und schräg geklungen hatte und ich irgendwann überhaupt kein Problem mehr damit hatte. Man hätte das Ding ja stimmen können, mehr spannen können. Das wäre kein Problem gewesen.

S2: Vielleicht war es der Reiz des Zufälligen, der es dich hat nicht stimmen lassen?

BF: Ja, auch, um möglichst schnell einen größtmöglichen Effekt zu haben. Um jetzt nicht unbedingt ein Studium machen zu müssen, sondern gleich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln als Musiker anzufangen. Nochmal was zur Harmonie: Auch die geht auf die griechische Philosophie zurück, wo sie mit Zahlen begründet wurde. Ein Zahlenverhältnis ist ein harmonisches Verhältnis. Daher rührt, daß Musik, Geometrie und Arithmetik bei den Griechen eine universelle Wissenschaft war, und umgekehrt, daß Mathematik als Kunst galt. Man hat Töne mit Planetenbahnen verglichen, mit ganzzahligen Systemen. So hat man dann wahrscheinlich auch Instrumente gebaut, wo der Tonabstand analog zu Zahlenfolgen ist. Ich finde den geraden Ton unerträglich. In dem Moment, wo er disharmonisch wird, zu schwingen anfängt und nicht mehr gerade ist, auf eine gerade Zahl zurückzuführen ist, wirkt er harmonisch und angenehm. Deswegen würde ich das ganzzahlige Harmoniesystem komplett in Frage stellen. Gerade wenn eine Saite schwingt, ist das ja eine Überlagerung von mehreren Schwingungen.

S2: Kommen wir nun zu einem ganz anderen Thema. Die Titel deiner Stücke sind eher spontane Einfälle als Statements. In diesem Zusammenhang hast du mal gesagt, daß die Kritik an der Technologisierung aller Lebensbereiche der Akzeptanz gewichen ist, daß das Wahre verlorengegangen ist. Mich interessiert, was darunter zu verstehen ist, denn diese Akzeptanz wundert mich.

BF: Ich hatte das korrigiert, weil ich das so nicht stehenlassen kann, aber offensichtlich ist es nicht berichtigt worden. Ich denke schon, daß das Wahre verlorengegangen ist; daß es in den Subkulturen keine Visionen gibt, keine utopischen Gedanken. Daß man einem Konzert beiwohnt, weil man ein Teil davon sein möchte. Dieser Aspekt ist verlorengegangen. Mit Akzeptanz meine ich, daß man solche Sachen wie das Autofahren nicht mehr thematisiert. Oder das Telefon, das nicht immer so selbstverständlich war wie heute. Es gab schon zum Telegrafen Statements, die sagten: Wenn man ohne Zeitverzögerung Informationen übertragen kann, wird man nicht mehr wissen, was man sich sagen soll. So geht es beim Telefon eher darum, daß man dann dort angerufen hat und weniger, ob man sich was zu sagen hat.

S2: So wie du vorhin schon über Musik gesagt hast, daß alles, was zunächst sonderbar erscheint, mit der Zeit gewöhnlich wird.

BF: Ja. Jeder hat zu tun und muß ankommen. Es ist ein Ankommen ohne Reise. Man nennt Jahreszahlen und sagt was da passiert ist. Zum Beispiel. 1994 habe ich die vorletzte Drome gemacht, das war Ambient Dub, 1995 habe ich die letzte Drome gemacht, jetzt bin ich schon weiter und mache Trip Hop. Dabei blendet man völlig aus, daß auch was geworden ist. Das Werden ist nicht mehr. Oder das Reisen. Ich weiß nicht, ob das klar war...

S2: Mir fällt noch ein, "Es geht also um Künstlichkeit, um das technische Dasein." Und ich denke, genau das ist es.

BF: Ich würde sagen, um technisches Dasein und um das Aufgehobensein in einer symbolischen Ordnung, wo alles seinen Namen und seinen Platz hat. Die Namens- und Begriffsbildung ist ein Teil davon. Zum Beispiel "Erholungsgebiet". Das ist ja eigentlich natürlich, daß da irgendwo was ist, wo man sich zu dem Zweck hinbegibt. Ich will das nicht benennen, aber in dem Moment, wo es ein Erholungsgebiet ist, hat es nichts mehr davon. Es ist halt angelegt, es soll genau das genau dort stattfinden. Es wird etwas für die Gesellschaft nutzbar gemacht, in dem man es benennt. Wir gehen ins Erholungsgebiet. Auf die Bundesgartenschau. Und das, was durch diese Setzung, diese Begriffsbildung verloren geht, ist das "Wahre". Nur ist das Wahre nicht, was man benennen könnte. Wenn ich ein Wort dafür finde, geht immer etwas verloren. Das Erholungsgebiet, finde ich, ist ein Paradebeispiel für dieses Verlorengehen.

S2: Gibt es Leute, in Köln oder überhaupt, mit denen du zuammenarbeitest?

BF: Kennt ihr Mouse On Mars?

S2: Ja.

BF: Ich habe mit dem Jan Werner und Markus Schmecher bei einem Festival in einer Fabrikhalle hier Musik gemacht. Das war auch insofern eine tolle Erfahrung, weil diese Zusammenarbeit über die drei Festivaltage entstand. Markus hat Rhythmen programmiert, ich habe mich mit dem Synthie dazugestellt und improvisiert und der Jan hat Filter bedient. Es wußte vorher keiner, was dabei rauskommt, aber es ist gut angekommen. Oder Frank Schulze, der in derselben Straße wohnt, der Musik improvisiert, der wird im September in Leipzig eine Oper aufführen mit einem Japaner, die "Technovokal" heißen wird. Also es gibt eine Menge Leute hier, die interessante Sachen machen.

S!: Hast du Kontakt zu Walker oder dem Umfeld?

BF: Die sind mir bekannt.

S2: Aber musikalische Kontakte gibt es keine?

BF: Ich finde die Musik auch nicht so klasse, muß ich sagen. Ist, glaube ich, nicht mein Feld.

S2: Als du vorhin über die bekannten Strukturen in deiner Musik gesprochen hast und sagtest, daß es schon was von Pop hat, mußte ich an Walker denken, denn er spricht über seine Musik auch von Popmusik. Deswegen lag mir die Frage auf der Zunge. Wie sieht es mit Mille Plateaux aus?

BF: Nur aus zweiter Hand, über den Jan Werner oder durch Plattenläden. Was vielleicht noch interessant ist: Letztes Jahr habe ich auch ziemlich viel für Medien kommerziell gearbeitet. Für Fernsehsender und Werbeagenturen

S2: Was hast du da gemacht?

BF: Ich hab' für VIVA 2 was vetont, Pro 7 hat Some More Crime für Trailer verwendet. Daß das es komerziell ist, ist insofern nicht bedauerlich, als daß ich da eben das gemacht habe, was ich sonst auch mache.

S2: Bloß daß sich Leute dafür interessiert haben, von denen man es nicht gedacht hätte.

BF: Die Agenturen sind um einiges weiter voraus als ihre Kunden. Die Agentur, die VIVA 2 macht, hat einiges mehr begriffen als die Leute, die den Sender betreiben. Aber das Dürfen und Nichtdürfen hängt immer vom Sender ab, der sich überlegt: Wie sieht mein Zielpublikum aus? Bei VIVA 2 sollte man eigentlich nicht denken, daß es völlig daneben ist, und trotzdem werden die selben Fragen diskutiert. Die könnten ein ganz anderes Programm machen, nur die trauen sich nicht. Da wird nicht radikal genug vorgegangen. Da wird gedacht: Wir machen ein Musikradio für Leute ab dreißig. Und dann stellt man sich vor, wie die drauf sind. Ich bin auch dreißig, aber mich betrifft das überhaupt nicht.

S2: Das gleiche ist es mit Radioprogrammen. Da wollen welche ein jugendliches Radio machen und das Einzige, was daran jugendlich ist, ist, daß sich alle duzen.

BF: Das Radio ist, glaube ich, das Medium, wo man das am besten aufzeigen kann. Diese Spekulationen, wie wohl das Publikum drauf ist, damit man den größtmöglichen Erfolg hat.

S2: Das Schlimme ist ja, daß man damit offensichtlich auch Erfolg hat.

BF: Offenbar ja. Das ist auch für mich unbegreiflich. Wenn man irgendwas sucht, mehr, als da ist, wenn man sein Bewußtsein erweitert hat, gibt es kein Zurück mehr, kann man keinen beschissenen Job mehr machen. Und die Leute, die den Erfolg von Radiosendern ausmachen, haben halt nie danach gesucht. Die hören auch nicht hin. Die wollen gar nicht hinhören. Sobald was kommt, was wir interessant nennen würden, würden die hinhören und würden es furchtbar finden. Weil es sie zwingt, aufzuhorchen. Weil es eben nicht dasselbe ist. Und dieses Aufhorchen ist irgendwie mit einem negativen Gefühl verbunden.


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(c) 1995, Sven Haubold (sh4@irz.inf.tu-dresden.de)