Gayle Sun


S! Woher kommst du her?

GS: Ich komme aus Singapur.

S! Wie lange legst du schon auf oder produzierst du?

GS: Ähm, seit 88 lege ich auf, zu dem Zeitpunkt bin ich nach England gezogen, da hat eigentlich alles bei mir im Technobereich angefangen. Erst vor so ca. 3 Jahren habe ich angefangen meinen eigenen Kram zu produzieren und mit anderen Produzenten zusammenzuarbeiten. Also kam bei mir zuerst das Auflegen, das Produzieren kam dann später.

S! Hast du nicht auf der Tribal Gathering Compilation vom letzten Jahr einen Track releast?

GS: Ja, auf der Tribal Gathering Compilation und noch auf einer anderen, deren Name mir aber gerade nicht einfällt. Dann habe ich einen Remix für Disco Volante gemacht, daß ist ein neues Underground Label aus England. Der Remix war eher trancig und somit ein nettes Experiment für mich. Weitere Tracks kamen auf Universe London Records, Logic und Undercover.

S! Undercover? Die sitzen bei mir gleich um die Ecke!

GS: Joachim Keil, der Chef, hat mich vor 3 Wochen zu Hause besucht.

S! Ein lustiger Mensch.

GS: Oh ja sehr nett, ich weiß nicht ob es definitv geschehen wird, aber sie wollen das ich bei Undercover demnächst mein eigenes Label starte. Ich werde auf jeden Fall darüber nachdenken.

S! Hast du schon eine Idee für den Namen deines Labels?

GS: Nein, bisher habe wir nur darüber mit ihm gesprochen. Nächste Woche werde ich eine Antwort geben.

S! Denkst du, du wirst es tun?

GS: Es klingt gut. Für mich ist es die Chance zu sagen: "O.k. ich habe ein Label, das ist mein Sound und das ist das Jahr in dem ich anfangen will wirklich nur meinen eigenen Kram zu produzieren - ich habe die gesamten letzten 2 Jahre immer mit jemanden zusammen gearbeitet." Und wenn du immer mit jemanden zusammenarbeitest ist das nicht 100% dein Sound. Und dieses Jahr bin ich, glaube ich, soweit. Ich habe mein eigenes Studio zu Hause eingerichtet. Also werde ich dieses Jahr nur an meinem eigenen Sound herumexperimentieren. Deswegen dachte ich, als er mich fragte ob ich bei ihm ein eigenes Label starten will, daß das sicher sehr spannend werden dürfte. Ob ich das nun mache oder nicht, kann ich jetzt leider noch nicht sagen.

S! Werden wir in nächster Zeit neue Tracks von Dir hören?

GS: Ja, im Sommer werde ich an meiner, völlig allein produzierten, 4 Track EP arbeiten. Das wird meine erste Soloplatte. Darauf freue ich mich schon sehr. Die wird im Sommer auf London Records erscheinen. Dann mache ich noch eine MX-CD-Compilation vom 96 Tribal Gathering, eine Doppel-CD mit mir und ein paar anderen DJ's.

S! Wie würdest du eigentlich selber deinen Style beschreiben.

GS:In den letzten Jahren habe ich viel Trance und Acid gespielt - viel von diesen UK und Belgien Kram, aber ich habe letztes Jahr Trance völlig aus meinem Set genommen. Das liegt daran, daß Trance in England sehr kommerziell geworden ist - die ganzen House DJ's spielen jetzt Trance. Vor vier Jahren war es noch fantastisch. Ich spiele heute eine Mischung aus holländischem Techno, ein paar Detroit, ein paar Belgien und englische Sachen. Alle Einzelteile zusammen bilden ein neues Gebilde. Ich fange mit Hardhouse Sachen an und werde langsam schneller und auch ein wenig progressiver.

S! Was macht dir im Moment mehr Spaß - Auflegen oder produzieren?

GS: Nun, wenn du mich du direkt fragst, würde ich sagen das das Auflegen mir schon mehr Spaß macht. Das Auflegen ist nicht so stressig ... obwohl ... Augenblick ... heute ist es schon sehr stressig (dazu sollte man wissen, das Gayle heute ein Doppelbooking hatte und sowieso schon seit zig Nächten nicht mehr geschlafen hat).. also kann es daran liegen.
Vielleicht weil ich mit dem Auflegen angefangen habe und nun nach 8 Jahren noch sagen kann, daß ich Spaß daran habe und mich das Ganze noch nicht langweilt. Das Produzieren kam später dazu. Ich liebe es, mich beim Produzieren in die Trax zu vertiefen, es fehlt mir im Moment nur leider die Zeit. Deshalb soll es dieses Jahr richtig losgehen. Ich habe bei mir zu Hause ein eigenes Studio eingerichtet und mir gesagt: "Jetzt mußt Du Dir Zeit nehmen". Wenn man ein eigenes Studio hat, sollte man auch ab und zu etwas darin arbeiten. Hat ja auch etwas gekostet!

S! Ja klar, guter Trick. Wie gefällt es Dir eigentlich in Deutschland aufzulegen?

GS: Oh, ich finde es super, weil ich hier nicht die Handbremse anziehen muß - wie in Italien oder Athen. Hier in Deutschland kann ich die ganze Sache locker angehen. Deutschland ist irgendwie schon die Technometropole. Selbst in manchen Städten in England muß ich im Set langsamer werden weil sie, wie ich glaube, noch nicht so weit sind. Ich mag es in Deutschland zu spielen.

S! Worin siehst Du den Hauptunterschied zwischen der Deutschen und der Englischen Szene?

GS: Bei mir ist es so, wenn ich in einem guten Club spiele wie z.B. dem Omen in ffm oder dem Final Frontier in England sehe ich keinen Unterschied. Sobald die Leute schreien und mit dem Kopf dabei sind, ist es in jedem Club sehr gut und es macht mir Spaß. Es gibt gute und schlechte Clubs, in England ebenso wie in Deutschland. Wenn ich an wirklich gute Clubs denken soll, fallen mir sofort das Omen ein, das Final Frontier, welches jetzt Voyager heißt und neuerdings ein kleiner Club in Südirland, genauer in Belfast - "Sir Henry's", dort hat es mir letztens großen Spaß gemacht.
In England trennt sich gerade die kommerzielle Trance-Schiene von der Underground Szene, so sehe ich das zumindest.

S! Wie ist dabei die Situation innerhalb der Szene haben, sie noch Spaß an der Sache?

GS: Oh ja, es wächst stetig. Vor ca. 2 Jahren konnte man die guten Technoclubs an einer Hand abzählen, jetzt gibt es mehr. Ich finde das fantastisch, speziell für uns Techno DJ's, da wir mehr Möglichkeiten haben zu spielen. Es legen immer mehr englische DJ's auch in England selber auf. Es wächst, trotz der besch... CJB ( Criminal Justice Bill ). Sie haben versucht, die Tribal Gathering am 4. Mai zu verhindern und das ist B...sh..!

S! Aber am 29. Juni findet sie doch statt !?

GS: Ja, zu dem Datum ist sie erlaubt. Die Location hatte vorher bereits eine Genehmigung. So muß man das immer machen, wenn man eine Outdoorveranstaltung genehmigen will und die Polizei sich schon im Vorfeld sträubt, hat man immer 2 oder 3 Ausweichlocations. Also wird die Tribal Gathering stattfinden, wenn nicht in Oxfordshire, dann irgendwo anders.

S! Ich habe den Sinn des CJB, glaube ich, nie so richtig verstanden!

GS: Dieses Jahr strengt sich die Polizei wirklich an, die Tribal Gathering zu verbieten. Letztes Jahr hatten sie keinen Erfolg, also legen sie sich dieses Jahr richtig ins Zeug. Jeder sollte das Recht haben zu feiern. Die Tribal Gathering ist nur einmal im Jahr und nicht jede Woche. Die Polizei verteidigt sich immer mit dem Argument, daß jedesmal bei Dance- Veranstaltungen ein Verkehrschaos entsteht. Darauf kann ich nur sagen: "Oh ja, jedes Wochenende gibt es bei irgendeinem Fußballspiel mehr Verkehr." Sie wollen ganz einfach, daß die Leute zuhause Fernsehen schauen und das wars. Die jungen Leute sollen sich nicht auf Parties rumtreiben.

S! Sehr seltsam. Grauenhafte Vorstellung.

GS: Ja, unglaublich.

S! Wie ist das eigentlich bei dir, abgesehen von Techno. Versuchst du auch auf dem neuesten Stand von anderen Musikrichtungen zu sein? Siehst du beispielsweise MTV ?

GS: Also wenn ich zuhause bin höre ich natürlich auch andere Musik. Die neue Platte von Goldie zum Beispiel. Normalerweise mag ich kein Jungle, aber Goldie hat einen sehr intelligenten Sound, das ist kein so verrückter Jungle. Sehr jazzy und funky. Dann mag ich noch Jazz, nur so zum Ausruhen. Ich kann nicht einfach weitermachen, wenn ich nach Hause komme. Wenn ich mich ausruhe, muß es bei mir langsamer werden. Ich höre z. B. Louis Armstrong. Es ist zwar alt, aber es beruhigt mich.

S! Arbeitest du noch irgendwoanders - außer als DJ oder Produzent meine ich?

GS: Nein, dazu habe ich einfach keine Zeit. Ich bin ein absoluter Full Time DJ und Producer. Am Wochenende reise ich und lege auf, am Montag oder Dienstag komme ich nach Hause, erhole mich zwei Tage. Donnerstag bin ich wieder ein Mensch und gehe Platten einkaufen und so was. Am Freitag werde ich wieder zum Monster. Ich habe also keine Zeit.

S! Wie verstehst du dich mit anderen Londoner DJ's?

GS: Großartig. Ich habe mit nahezu jedem großen DJ schon mal gespielt. In England komme ich mit jedem DJ aus. Die einzigen DJ's, die ich nicht ausstehen kann sind diejenigen, die dumme und falsche Dinge über andere erzählen. Als DJ kann man nicht über andere lästern, man muß sich gegenseitig respektieren. Ich kenne viele DJ's die Mist sind, aber ich mag das nicht, da die Musikindustrie für sowas doch zu klein ist. Wenn man etwas schlechtes sagt, kommt der Bumerang sehr schnell zurück. Man muß proffesionell auflegen und das war's. Nicht lange über Deppen nachdenken. Zumindest mach ich das so.

S! Produzierst du noch zusammen mit anderen DJ's?

GS: Letztes Jahr habe ich zusammen mit Fabio Paras produziert, aber er war zu beschäftigt. Wir hatten nie zur gleichen Zeit Zeit. Aber wir werden es dieses Jahr noch einmal probieren, ich hoffe es klappt. Es gibt noch ein paar andere DJ'S, aber bevor wir nicht wissen, das es 100% klappt, kann ich noch nichts sagen. Ich würde gerne mit "The Advent" was machen, weil ich sehr großen Respekt habe vor dem was die so produzieren. Im Moment habe ich aber keine Absicht mit anderen DJ's etwas zu probieren. Wie schon gesagt, will ich endlich selber was machen.

S! Hast du schon einmal ans aufhören gedacht, oder kannst du abschätzen wie lange du noch vor hast als DJ zu arbeiten?

GS: Ich lege jetzt schon seit 8 Jahren auf. Also vielleicht noch 4 Jahre, aber wenn es mir weiterhin so viel Spaß macht wie heute, werde ich sicherlich weiter machen. Eigentlich ist es ja alles dasselbe: DJ, Produzer, Remixer, Label-Leader. Deswegen kann man nicht planen, es ist langweilig zu planen. Ich mag es nicht zu planen, ich warte lieber ab. Im Moment macht mir das Auflegen großen Spaß, aber wenn ich eines Morgens aufwache und ich mir sage "Ich habe keinen Bock mehr" dann höre ich auf. Bis jetzt macht es mir aber großen Spaß.

S! Hast du schon Pläne was du machst, wenn es soweit ist und du mit dem auflegen aufhörst?

GS: Ja - ich hätte gern ein paar Tonstudios. Ich habe ja noch nie etwas anderes gemacht - außer Musik. Ich kann also nie sagen, wenn ich mal aufhöre werde ich Krankenschwester oder so etwas, da ich nie eine Ausbildung oder ähnliches gemacht habe. Mein ganzes Leben hat mit Musik zu tun, deswegen werde ich mich damit auch in Zukunft beschäftigen. Vielleicht ein Label leiten, oder eben ein paar Tonstudions haben. Aber auf jeden Fall etwas mit Musik, weil ich tief in mir die Liebe zur Musik spüre.

S! Eine persönliche Frage. Was bedeutet dir Freundschaft?

GS: Tja, du wirst viele Freunde haben wenn du Geld hast und alles gut läuft, dann wird jeder dein Freund sein. Freundschaft hingegen zeigt sich, wenn du Probleme hast und du am Boden liegst, dann bleiben vielleicht 2 oder 3 wirkliche Freundschaften bestehen. Das ist für mich wahre Freundschaft.

S! Du bist ganz allein nach London gezogen?

GS: Ja, allein. Meine Familie wohnt immer noch da.

S! Was hat dich überhaupt nach London verschlagen?

GS: Ich habe schon in Singapur aufgelegt, aber die Szene ist so klein und ich wollte einfach keine amerikanischen TOP 40 spielen. Ich wollte etwas anderes spielen. Ich hörte von anderen Leuten, das England einen guten Sound hat und die Musikindustrie viel besser sei. Also dachte ich mir, ich versuchs und bin nach London gezogen. Aus ursprünglich 3 Monaten wurden 8 Jahre. Da ich vollkommen allein nach London kam, hat es Jahre gedauert um richtige Freunde zu finden. In England will jeder erfolgreich sein, sie schehren sich nicht um andere, da jeder selber kämpft um an die Spitze zu kommen. Du bist ihnen also erstmal egal. Jetzt nach 8 Jahren weiß ich, wer meine Freunde sind und wer absolut nicht. Ein richtiger Freund ist jemand, der zu dir steht und mit dir durch dick und dünn geht.

S! Ich dachte immer Singapur, die große technische Stadt, ist bestimmt auch im Techno sehr weit.

GS: Mag sein das die Gebäude modern und technisch sind, aber die Musik - oh Gott. Das ist wie ein Zeitloch. In der letzten Zeit hat sich das aber ein bißchen gebessert. Alles ist dennoch sehr stark amerikanisiert. Es gibt im Prinzip keine eigene Kultur. Aber es wächst. Jedes Mal wenn ich da bin, hat sich etwas verändert.

S! Was fällt dir zu "Techno ist tot" ein?

GS: Scheiße!

S! In vielen Ausgaben der allgemeinen Tages- und Wochenpresse wurde Techno für tot erklärt, da die Großraves immer mehr aussterben. Ich finde das eher positiv, in jeder Entwicklung steckt eine Selektion. In den 40er Jahren gab es z.B. eine Flut von Automarken, der größte Teil ist jedoch verschwunden. Nur die größten, besten oder praktischsten haben bis heute überlebt. So ist das glaube ich auch mit Techno, nur wenige Veranstaltungsreihen werden den Sprung schaffen und bei den Magazinen ist das genauso. Eine gesunde Konkurrenz trägt zum Wachstum bei. Allerdings sollte das nicht in Anfeindung und Beleidigung untereinander ausarten. Jeder hat seinen Platz. Bei den Raves hat Mayday oder Ravecity neben Time Warp oder Mediation ebenso ihren Platz, wie auch ihre eigene Zielgruppe.

GS: Die großen Raves sterben in meinen Augen schon seit ca. 1 1/2 Jahren so langsam aus, man kann sagen der Markt war übersättigt. Aber heute gibt es einen neuen Kern für richtig guten Techno. Underground eben. Es wächst wieder. Es wird jedes Jahr 16jährige geben, die auf Großraves rennen, wenn sie ein Jahr älter sind, gibt es wieder 16jährige die da hinrennen. Das ist aber ein falscher Weg. Veranstalter stellen die Weichen für die jungen Leute. Diese Einsicht reift scheinbar auch in den Clubs in England und Deutschland. Die Betreiber denken teilweise mehr nach. Nicht mehr nur Kommerz und Raves. Gute Stimmung durch gute offene Leute in kleinen Clubs. Das ist aber etwas für die älteren, die auf gute Musik stehen. Im Moment wächst Techno wieder. Ich bin manchmal selber überrascht und sage mir "Wow, da geht noch was", auch in England. Vor allem in Irland. Irland ist uns knapp 5 Jahre hinterher, aber auch dort fängt es so langsam an. Überall entstehen kleine gute Clubs und wenn ich sage gut, dann meine ich keine kitschigen Vocals oder kommerziellen Trance, sondern neue Musik. Deswegen glaube ich nicht, das Techno stirbt.


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