HIGHER INTELLIGENCE AGENCY

Es ist Mai 1992. Wir befinden uns in Birmingham. Idealisten entwickeln hier ein eigenes Konzept von einem regulärem Club. Sie nennen dieses Oscillate. Jemand baut einen Stapel alter Synthesizer und Drummaschinen in der DJ Kanzel auf. Er improvisiert. Seine Tracks entstehen live zwischen den Platten. Dies ist der Platz an dem sich der Sound der Higher Intelligence Agency entwickelt, eng verwachsen mit den Erfahrungen der Oscillates. "Wie eng ist deine Verbindung zu der Crew, die hinter den Oscillate Partys steht", frage ich Bobby Bird, den Kopf der Higher Intelligence Agency: "Ich habe diese Partynächte vor über drei Jahren mit einer Gruppe von Freunden begonnen. Die Oscillates sind der Geburtsort der Higher Intelligence Agency. Ich lege während diesen Nächten auch auf. Mit den Liveauftritten und dem Experimentieren fing alles an." Was er gemacht hat bevor er als HIA auf den ersten Oscillates auftrat, ob er vorher schon Musik gemacht oder ob dies sein erster Schritt in diese Richtung war, will ich von ihm wissen. Bob: "Anfänglich habe ich Gitarre gespielt, begann mich aber mehr für die Aufnahmen und die Produktionsseite zu interessieren. Dann fing ich an, in einer Gitarren / Technology Band zu experimentieren. Woraufhin ich ganz in all das eintauchte, was ich momentan mache." In der selben Zeit erwacht in Birmingham ein Label zu Leben. "Beyond" veröffentlicht seine erste LP "Ambient Dub Vol.1". Auf diesem befindet sich, neben einem Track vom momentan auf Eis gelegtem Projekt Alphanex (Booby Bird zusammen mit Brian Duffy) der erste veröffentlichte Track der Higher Intelligence Agency: "Ketamine Entity". Die Higher Intelligence Agency spielt inzwischen neben den Oscillates auch auf Megadog oder Whirlygigs live. Begleitet wird Bob dabei von Oscillate DJ Dave Wheels und Visuals-Person Fosit. "Bob, beschreibe einmal wie ein perfekter Livegig sein sollte!" - "So eine perfekte Livegeschichte habe ich schon gemacht - auf der Spitze eines Berges in Tromso, Norwegen. Das war live zusammen mit Biosphere, wir nutzten dazu einen Kabelwagen als Quelle für den Sound. Gut wäre auch: Auf einem Oscillate mitten in der Wüste in Arizona aufzutreten, ohne Mond, mit einer kreisrunden Bühne, eine in alle Richtungen abstrahlenden 360 Grad Anlage. Fosittronics, wie ein Riesentintenfisch pulsierende und die ganze Bühne einschließende Leuchtskulpturen." Auf einem der Photos ist Bob während einer seiner Livegigs auf einem Oscillate zusehen, umgeben von einem Wald aus Glühlampen. "Fosit erhält die Inspirationen für seine Leuchtskulpturen aus der Musik, im Gegenzug fühle ich mich musikalisch inspiriert, wodurch eine schöne Rückkopplung zwischen unseren Ideen und Stimmungen entsteht." 1993 folgen weitere Stücke für Kompilationen, die einzige Single "Speedlearn" und im Dezember 1993 das Debutalbum "Colourform". Colourform wird zu einem vollen Erfolg, inzwischen tritt die HIA in ganz Europa auf. Brixton Megadog '94, Interference '94 oder Tripping on Sunshine (Copenhagen). Der Höhepunkt des Jahres 1993 wird das Oscillate Triple X in Amsterdam. Sie haben sich auf der Bühne die Unterstützung ihrer Lieblingsacts gesichert: Orbital, Autechre, Pentatonik und Sun Electric begleiten die Higher Intelligence Agency. Auf Vinyl folgt die "Reform" EP mit Remixen zu Colourform. Ins Zeug gelegt haben sich dafür: Irresistible Force, Pentatonik, Autechre und A Positive Live. Im Februar 95 beginnt die Arbeit am zweiten Album. "Freefloater". "Die Sounds mit denen du auf Freefloater arbeitest sind sehr weich. Höre ich mir aber frühere Tracks von dir an, dann klingt alles mehr nach Dub. Was hat dich forciert, deinen Musikstil zu verändern?" "Gut, es gab eigentlich keinen Antrieb, ich mache alles so, wie ich mich momentan fühle - aber ich hoffe, das jede Platte ihren eigenen Farbton besitzt. Gebiete die ich bereits erforscht habe, möchte ich nicht erneut angehen. Ansonsten denke ich, daß es auf Freefloater immer noch genug Dubeinflüsse, aber von einer anderen Art, zu finden gibt." "Mich haben die Drumpatterns, die du auf Freefloater verwendest, überrascht. Ist es momentan etwa unmöglich elektronische Musik (oder auch Ambientmusik) zu veröffentlichen, ohne Freestyle HipHop Beats zu benutzen?" "Ich denke, man kann immer noch alles mögliche tun. Noch mal, ich habe nur experimentiert und Sachen ausprobiert, die ich zuvor noch nicht versucht hatte." Eines der Stücke auf dem neuen Album nennt sich "Hubble". Ich möchte von Bob wissen weshalb: "Die Idee dafür kam von einer Dokumentation über die Reparatur des Hubble Teleskops im All. Wir haben einen Videoprojektor und so konnte ich mir, während ich den Track geschrieben habe, die Bilder davon riesengroß an die Wand projizieren." Was mich immer wieder beeindruckt, ist der typische Sound der HIA. Ich frage ihn nach der Herkunft des warmen und zeitlupenhaften Sounds seiner Tracks: "Space Echo & Spliffs." Doch Higher Intelligence steht nicht nur für seinen wunderbaren Sound, sondern auch für andere Projekte. So haben sie 1994 eine musikalische Installation für ein Museum in Südfrankreich gemacht. "Es ist ein 30minütiges Stück, eine atmosphärische Interpretation eines koptischen Gedichtes aus dem 2. Jahrhundert, das in Ägypten ausgegraben wurde und sich "The Thunder / Perfect Mind" nennt. Am besten man hört sich dies auch in dem Umfeld, für das es geschaffen wurde, an." "Was unterscheidet solche Projekte von Liveauftritten oder der Arbeit an neuen Titeln für das Album?", möchte ich wissen. "Das ist alles miteinander verbunden. Zum Beispiel wurden die Tracks für beide Alben in einer Liveumgebung vorbereitet, bevor sie für die Platte gemixt wurden. Die beiden Alben wurden von mir in meinem Heimstudio produziert, bei einigen Tracks auf Colourform haben Steve Savale, Dave Wheels und Fosit und auf Freefloater Dave Wheels, Fosit und Steff Pierlejewski (A Positive Life) mitgearbeitet." Doch nicht nur eigene Produktionen werden veröffentlicht, es gibt auch Remixarbeiten von HIA - unter anderem auch für A Positive Life, Pressure Of Speech oder Biosphere's Novelty Waves. "Sprechen wir mal über deine Remixarbeiten. Hast du unbefriedigte Wünsche, mit wem oder für wen du gern arbeiten würdest?" Bob: "Niemand bestimmtes für Re-Mixe. Ich bin mehr an Kollaborationen, wie der letzten Verbindung mit Biosphere und dem geplanten Higher Intelligence Agency / Deep Space Network Album, interessiert." Aus der Zusammenarbeit mit Biosphere existiert übrigens noch ein Band mit einem einstündigen Konzert, welches wohl im nächsten Jahr veröffentlicht werden soll. Die Jungs vom Deep Space Network lernte Bob während der Interference zur Love Parade kennen, übrigens bisher sein einziger Auftritt in Deutschland. Man lud das Deep Space Network ein, auf einem Oscillate aufzutreten. "Sie blieben hier für ein paar Tage um etwas von der Atmosphäre in sich aufzunehmen, was darin endete, daß wir ein paar Tracks machten, die irgendwann 1996 dann als Album enden werden." Jetzt wollte ich natürlich wissen, wie weit sich die Birmingham - Heidelberg Connection schon etabliert hat und wie weit das neue Album inzwischen gediehen ist. "Drei der Tracks wurden während der Zeit, zu der die Jungs vom Deep Space Network für das Oscillate hier waren, fertig. Irgendwann danach haben Fosit und ich noch einen Track gemacht und der Rest wird dann irgendwann im Januar entstehen, wenn wir uns das nächste mal treffen werden." Ob es eine Veröffentlichung wie "Reform", mit neu gemixten Tracks von "Freefloater" geben wird, interessiert mich ebenfalls: "Möglicherweise - Pressure Of Speech arbeiten an einem und vielleicht auch Insanity Sect." Bleibt mir zum Abschluß eigentlich nur noch eine Frage zu stellen. "Woher kommt denn nun der Name Higher Intelligence Agency, sind es Höhere Intelligenzen gewesen, die dich dabei inspiriert haben oder ist es eher eine Verballhornung von CIA?" "Es ist etwas von beidem. Man kann auch statt "higher" "more stoned" lesen."


zurück zur HOMEPAGE zurück zur DATABASE
(c) 1995, Sven Haubold (sh4@irz.inf.tu-dresden.de)