HUMATE


"...ruf mich in einer Stunde nochmal an, ich hab gerade ein neues Gerät bekommen, einen E 64 von EMU...". Eine Stunde später. "Reicht das, wenn ich das mache? H.G. hat keine Lust auf ein Telefoninterview." meint Gerret und ich fand das auch o.k.. H.G. oder besser Hans-Georg Schmidt ist Gerret Frerichs Studiopartner, Freund und was weiß ich nicht noch. Zusammen sind sie Humate und seit "Chrome" oder dem phänomenalen "Love Stimulation" damals auf MfS wohl jedem ein Begriff.

S! "Chrome" auf MfS war euer Erstlingswerk - was habt ihr vorher gemacht?

G: Ich habe vorher schon jahrelang Musik gemacht, in allen möglichen musikalischen Bereichen. Auch ganz wilde Sachen. Seit 88/89 habe ich dann auch Platten aufgelegt. Auch damals schon in die elektronische Richtung, auch so Synthie-Pop Sachen, Hip Hop, die ersten Acid-Scheiben natürlich und dann wieder weg davon Deep House, Hip Hop, dann gab's damals Rave und so weiter. Bis ich dann irgendwann beim Techno landete. Über einen Freund von mir, lernte ich dann H.G. kennen.

S! Habt ihr dann euer eigenes Studio gegründet?

G: Das hatte ich schon vorher, durch andere Projekte. UMP war mein erstes Studio in Oldenburg. Ich habe mich dann aber von meinen Geschäftspartner getrennt und heute habe ich hier in Hamburg mein eigenes Studio.

S! Wie seid ihr dann an die Berliner geraten?

G: Wir haben einfach ein Demoband an MfS geschickt und die waren begeistert, oder wollten es zumindest haben.

S! Mit "Love Stimulation" hattet ihr dann auf MfS einen richtigen Clubhit. Unverständlicherweise endete danach die Zusammenarbeit mit MfS. Warum?

G: Den Erfolg von "Love Stimulation" haben wir eigentlich gar nicht zu spüren bekommen. Das ging alles äußerst an uns vorbei.

S! Inwieweit?

G: Naja, das eben keine Resonanz auf Humate direkt kam, eher auf Paul van Dyk oder so. Tja und wir hatten eigentlich gar keine andere Möglichkeit mehr, als ruhig zu werden - wir hatten zwar den Hit, aber wir waren, sagen wir mal, nicht gecreditet für das Ding. Und somit faktisch gar nicht präsent. Das war schon ein ziemlicher Schock für uns. Im Zuge dessen haben wir uns halt von MfS getrennt, sind zu Superstition gegangen und haben uns komplett umorientiert. Ich habe dann viel mit Jens Mahlstedt zusammengearbeitet zu der Zeit.

S! Der Schritt von MfS wegzugehen war doch trotzdem sehr mutig, MfS war damals ja vielleicht das angesagteste deutsche Label überhaupt, oder?

G: Naja, es war ja aber auch so, daß wir schon noch ein paar Sachen hingeschickt hatten, MfS aber nicht gerade begeistert davon waren. Deswegen waren uns eigentlich komplett die Hände gebunden - wir konnten eigentlich gar nicht anders, als fortzugehen. Und ich meine, der Weggang zum Beispiel von Cosmic Baby gab uns in der Beziehung ja auch recht, er war ja doch sehr erfolgreich bei dem Label und ist ja sicherlich auch nicht ohne Grund weggegangen.

S! Dann gings zu Superstition.

G: Da hab ich als erstes zusammen mit Jens die Loops and Tings Geschichte gemacht, mit Steve Bug die Goldfinger und dann kam die erste Humate auf Superstition.

S! Inwieweit haben sich dann bei Superstition eure Wünsche besser erfüllt?

G: Es war erstmal wesentlich freier. Wir hatten uns ja schon musikalisch verändert und wir konnten halt auch so veröffentlichen, wie wir uns das gedacht hatten. Das fanden wir natürlich prima, weil da natürlich auch so eine Art Bestätigung seitens Superstition kam, für das was wir machen.

S! Auf Superstition folgte später auch eine Platte, die ihr zusammen mit David Christophere gemacht habt: Humate and Rabbit in the Moon. Wie entstand die Scheibe?

G: Ja David war hier, oder besser damals noch in Oldenburg im UMP Studio. Ich hatte seine Platte auf Hardkiss gehört, die fand ich total fantastisch und Tobias (gemeint ist natürlich Herr Lampe, Chief of Superstion) hatte ihn auch gerade kennengelernt. Tobias hat ihn dann quasi hier "rübergeschafft". Zurückblickend muß ich sagen, daß diese Zusammenarbeit für uns auch der Umkehrpunkt war, um mehr Selbstvertrauen zu haben, was man dann später auf der "3" auch hören sollte.

S! Überhaupt hat sich euer Sound nach dieser Scheibe geändert. Hört man sich eure Platten jetzt an, zum Beispiel "Sound", dann ist es schon so, daß sich da stilistisch grundlegend etwas geändert hat. Früher wart ihr doch sehr melodisch, viele Flächen - heute ist alles minimal, straighter, auch härter.

G: Nun gut, das sind aber auch ganz einfach Zeichen der Zeit. Alles, was wir veröffentlicht haben, war ja auch die Konsequenz aus dem, was wir erlebt haben.

S! Geht ihr richtig clubben?

G: Klar, ich leg ja auch noch auf, na klar. Wir spielen ja auch desöfteren live und außerdem geh ich schon ab und an einfach so in Clubs, wenn sich was gutes bietet. Aber ich meinte das erst auch ganz allgemein. So im Leben - die Schierigkeiten die man damit hat - einfach mit offenen Augen durch die Welt gehen - das muß man verarbeiten. Genau das ist eben in meinen Augen Musik machen.

S! Superstition hat sich ja doch allgemein sehr gewandelt. Das hört ja jeder und die letzte Compilation belegt ja eindrucksvoll, welcher Wandel da vonstatten ging.

G: Die Musik leidet natürlich auch unter Stagnation. Wenn man nicht den Mut hat, sich auch zu verändern, ist es für die Zuhörer langweilig und für einen selber auch. Veränderungen führen natürlich gelegentlich auch dazu, daß man unglückliche Griffe macht. Das man das, was man meinetwegen für sich als neu empfindet, nicht hinbekommt.

S! Es war jetzt aber auch nicht so, daß von Seiten des Labels da ein neuer Sound aufgesetzt werden sollte, weil sich ja auch die ganze Technokiste verändert hat.

G: Nee, nee - eher umgekehrt. Es war schon so, daß wir gesagt haben, daß wir in diese Richtung gehen wollen. Man wird bei unseren neuen Sachen auch wieder merken, daß wieder mehr Melodik drin ist. Gleichzeitig wollten wir aber auch mehr clubbetonte Sachen machen. Wir wollten uns auch quasi beweisen, daß wir nicht nur Hörmusik, sondern eben auch Tanzmusik machen können. Ich glaub schon, das das auch geglückt ist. Das ist eigentlich genauso ein emotionaler Fakt, wie meinetwegen Trennungsschmerz zu verarbeiten - eben auch so animalische Sachen zu verarbeiten. Was wir jetzt versuchen, ist eben beides zusammenzuwürfeln, die verschiedenen Einflüsse. Wir arbeiten gerade an unserer LP, die hoffentlich noch in diesem Jahr kommen wird.

S! Hattest du das Gefühl, daß ihr euch von den Clubs verabschiedet hattet?

G: Das passiert schnell, wenn man zu kopflastig im Studio verbarrikadiert arbeitet. Wenn man so in Klangwelten zurückfällt, auch auf Grund der vielen Geräte. Mijk van Dijk hat das mal als "Macht der Optionen" bezeichnet. Man hat also fünfmilliarden Geräte und versucht die alle einzusetzen und hat dann so ein technisches Overkill.

S! Was tust du dagegen?

G: Öfter mal eine Pause machen. Es eben mal sein lassen und neu orientieren. Ich hör gerne zwischendurch Platten.

S! Eigentlich müßte es ja von Vorteil sein, wenn man zu zweit produziert. Wenn man allein ist, und seine Sachen mehrmals hört, versteift man sich sicherlich noch mehr darauf, so gibt ein Partner einen öfter einen Dämpfer.

G: Kann sein, kann auch nicht. Es kann auch sein, daß man sich gegenseitig dermaßen verzettelt. Wenn man beispielsweise verschiedene Vorstellungen hat und eine Symbiose aus beiden schaffen möchte und dabei völlig den Faden verliert.

S! Ist ein Kompromiß dabei für dich eher negativ?

G: Im Gegenteil. Wenn ein guter Kompromiß gelingt, ensteht ja auf jeden Fall etwas völlig neues. Wenn man natürlich nur darauf aus ist, seine Ego Sachen zu verwirklichen, dann soll man auch alleine Musik machen. Ein gelungener Kompromiß ist für mich das Föderlichste.

S! Gibt's bei euch eine Art Arbeitsteilung?

G: Wir haben ja jetzt zwei Studios. H.G. hat eins und ich hab meinen Raum.

S! H.G.

G: Hans-Georg heißt er mit bürgerlichem Namen. P.Kjonberg ist sein Synonym für die Gema. Als er das noch nicht hatte, hat die Gema immer an einen anderen überwiesen.
Also weiter. Er hat seine eigenen Projekte wie Hang over Red (ambient) und Clever 'n' Smart mit Steve Bug zusammen. Ich mach noch mit Jens und will auch Solo was machen.
Und wenn dann eben Ideen kommen, die also ureigens von einem erschaffen wurden und in anderen Projekten nicht verwertbar sind, dann schlägt man die vor und arbeitet die dann zusammen aus. Bei Rabbit in the Moon war es zum Beispiel extrem. Ein richtiger Kampf - Kreativitätskampf. Ein kreativer Austausch, aber auch sehr intensiv. Da ging es schon mal hoch her. Weil da ja auch zwei völlig verschiedene Kulturbereiche aufeinander geprallt sind. Wobei ich zur Zusammenarbeit zwischen H.G. und mir auch sagen muß, daß Humate eben vorwiegend mein Projekt ist, H.G. ist freilich involviert, aber wenn wir uns beispielsweise irgendwie verzetteln, dann sprech ich schon mal ein Machtwort.Ich finde auch, daß es da schon eine klare Verteilung geben muß. Im umgekehrten Falle, wenn es ein Projekt von ihm wäre, an dem ich mitarbeiten würde, hätte er natürlich auch das letzte Wort.

S! Tobias hatte ja auch mal eine Phase, wo er versuchte, die Superstition-Gemeinde enger mit Amis zusammenarbeiten zu lassen. Fred Gianelli sei da bloß erwähnt. Global Exchange, nannte er das. Hat euch das als Künstler etwas gebracht, konntet ihr da etwas mitnehmen?

G: Es hat definitv für mich vom Denkansatz her etwas gebracht. Ich hab mich in gewisser Weise von vielen Vorurteilen befreit, von daher war das ganz gut. Es war ein völlig neuer Input. Auf der anderen Seite war es aber auch so, daß da schon schwere Anschauungs- oder einfach kulturelle Differenzen sind, die schwer aus dem Weg zu räumen sind. Auch Ego-Trips von beiden Seiten. Wenn also ein großer Act, ich sag das einfach mal so, mit einem anderen zusammenarbeitet, dann passiert so etwas einfach, da ist es verdammt schwer, darüber die Kontrolle zu behalten. Auch wenn man eigentlich ein ganz netter Kerl ist.

S! Stichwort Jens. Da hat man ja auch lange nichts gehört. Wirds da nach Loops & Tings wieder etwas geben?

G: Ja, doch! Da sind wir jetzt eben gerade dabei. Der steht hier vor mir und spielt gerade Twin Peaks auf dem JD 800.

S! Inwieweit hat dich eigentlich diese Geschichte damals mit dem Remake von Loops & Tings von Herrn Alex Christensen getroffen?

G: Tja, was heißt getroffen? Das war eine ziemlich aufgewürgte Sache, wir hatten da nicht viel Spielraum. Es hat uns auf jeden Fall finanziell was gebracht, das ist klar. Und damit war das auch o.k., aber es war auch so, daß wir es auch nicht hätten verhindern können.

S! Wie ist das gelaufen?

G: Tja, Christensen war so begeistert von dem Titel, daß er eine Coverversion machen wollte. Der Track war ja auf dem Weg in die Charts, nur das haben die Jungs vom Vertrieb dann irgendwie verkackt, die haben es nicht genug in die Läden gebracht und es ist eben nicht in die Charts. Das wollte man dann auch irgendwie wieder gut machen, vor allen Dingen für sich gutmachen und da kam Gott Alex, Kommerzgott Alex so an und wollte es machen und da hat natürlich die gesamte Firma gesagt, na klar, das kannst du machen, nur wir fanden es halt nicht so gut und da hat man uns dann gesagt, das ist uns aber scheiß egal.
So was passiert einfach ab und zu. Denk an Jam & Spoon. Aber man kann natürlich auch für sich was positives rausziehen. Wenn man mehrere Sachen gemacht hat, die so gekupfert worden sind, daß die Leute so geil drauf geworden sind, dann ist das ja auch ein Kompliment für einen. Da hat man ja offensichtlich schon was auf dem Kasten.

S! Wie geht's jetzt weiter. Welche Projekte sind noch am Leben?

G: Als allererstes Humate. Es soll irgendwie im Laufe dieses Jahres noch eine LP rauskommen. Von Jens gibt's bald schon eine neue Single.

S! Goldfinger?

G: Würde ich gerne, das ist aber ein echtes zeitliches Problem. Wir haben alle Hände mit der LP zu tun, weil LP machen ist einfach mal kein Kinderkram. Und irgendwann will ich auch in den Urlaub fahren. h mach noch mit Jens und will auch Solo was machen.


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