LABELPORTRAIT

Zunächst mal ist es gar nicht so einfach, nur über Mille Plateaux schreiben zu wollen. Die Geschichte von Mille Plateaux ist zum Teil auch die Geschichte von Force Inc. und Riot Beats und somit auch die von Achim Szepanski. Und schließlich ist diese Geschichte eine Geschichte revolutionären Umdenkens auf dem Gebiet der Produktion elektronischer Musik. Aber dazu später. Anfang 1994 entstand das Label Mille Plateaux als das Ergebnis sich gleichender Gesinnung von Force Inc. Music Works und Blue. Hinter Blue steht Ingmar Koch, der als Air Liquide und Global Electronic Network selbst produziert. Da es Projekte gibt, die weder auf Force Inc. noch auf Riot Beats erscheinen können, weil diese Labels mehr auf Tanzbarkeit hin orientiert sind und somit weniger Freiraum für Experimente lassen, benötigt man für derartige Experimente eine Plattform. Grundlage für diese Plattform ist ein Buch von zwei französischen Autoren namens Giles Deleuze und Felix Guattari. Es heißt "1000 Plateaus" und beschäftigt sich, ähnlich wie "The Third Wave", mit der fortschreitenden Technologisierung, aber im Zusammenhang mit der gesellschaftspolitischen Situation. Ein Kapitel dieses Buches bezieht sich dabei speziell auf den musikalischen Bereich. Es findet ein Identifikationsprozeß statt und der Titel des Buches wird zum Namen für das neue Label. (Inzwischen erscheint als erstes Release die Compilation "Modulation & Transformation", die doch sehr experimentelle Stücke von Christian Vogel, Russ Gabriel, Drax, Ian Pooley, Alec Empire und anderen Acts, die teilweise auf Force Inc. und teilweise auf dem Experimental-Sublabel Virtual Science erschienen sind, enthält und hinsichtlich ihrer Sounds und ihrer Struktur in etwa andeuten, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll.) Auf der Basis von "1000 Plateaus" wird eine Philosophie entwickelt, die viele Gedanken umfaßt, die sich sonst in der Szene kaum einer macht. Diese tiefgründigen Betrachtungen wurden sicher erst möglich durch die Weltanschauung des Achim Szepanski und somit der Idee von Force Inc., die auf den Idealen der Technobewegung begründet sind. Diese Bewegung sollte eine klassenlose Gesellschaft sein, weitab von herkömmlichen Amüsementstrukturen, ohne Stars, ohne eine diktierende Musikindusrie, ohne das allgemein übliche Strophe-Refrain-Strophe-Prinzip, ohne Copyrights. Was ist daraus geworden? Es existiert auch hier eine diktierende Musikinustrie, die Leute hypt, von denen sie glaubt, daß sie gut sind und die Hörgewohnheiten sowie den Geschmack der Masse korrigiert. überhaupt schränkt die Industrie die Kreativität stark ein, indem sie Hard- und Software vorgibt. Und die Musik unterliegt bestimmten Regeln, auch wenn es weder Strophe noch Refrain gibt. Nachwievor ist Musik im 4/4 Takt noch die mit dem größten Abgehfaktor. Warum, kann keiner so genau sagen; es ist eine Art ungeschriebenes Gesetz. Ebenso ist Musik um so gefälliger, je mehr Gesang sie enthält. Gegen all diese eingefahrenen Regeln wehrt sich Force Inc. und Mille Plateaux ist das praktische Beispiel dazu. Deleuze definiert die Plateaus in seinem Buch als fortwährende Veränderung. Er analysiert das Wesen der Musik und das des Synthesizers. Musik ist ein Prozeß zur Herstellung von Klängen, wobei der Ton in eine Vielzahl von Regeln eingebunden ist. Musik ist die harmonische Aneinanderreihung von Tänen, wobei die Harmonie im Herausfiltern sämtlicher störenden Nebengeräusche besteht, Was übrigbleibt, ist ein einziger ebenso reiner, wie auch einseitiger und langweiliger Klangstrom, eine ständig wiederkehrende Harmonie, die dich einschläfert. Die Entwicklung der Instrumente, der Maschinen zur Klangerzeugung, hat den Begriff der Musik grundlegend verändert. Herkömmliche Instrumente lassen, bedingt durch ihre Konstruktion, der Umsetzung der Phantasie des Komponisten wenig Freiraum. Das änderte sich erst mit der Erfindung elektronischer Instrumente. Damit wurde es möglich, Klangmaterial zu schneiden oder die Geschwindigkeit zu verändern. Mikroprozessoren ermöglichten völlig neue Klangverläufe, die sich niemand hätte träumen lassen. Im Synthesizer werden Klangströme durch die Verschaltung einzelner Module erzeugt. So läßt sich eine unendliche Anzahl von Klangformen produzieren. Sehr wichtig ist dabei auch der Einsatz real existierenden Klangmaterials, die Verwendung von Geräuschen jedweder Art, die auch erst möglich wurde, nachdem man Geräte zur Aufnahme und Speicherung von Geräuschen erfunden hatte. Und schließlich war es die Möglichkeit der maschinellen Produktion solcher Geräusche, die völlig neue Empfindungen beim Zuhörer auslöste. Nach Deleuze erlaubt es die Arbeit am Klangmaterial, völlig neue Kräfte und Intensitäten eizufangen und somit bisher ungekannte Empfindungen auszulösen. Zum Beispiel verursachen Echoeffekte durch Klanghalluzinationen beinahe unnormale Wahrnehmungsformen. Für Mille Plateaux besteht die Aufgabe elektronischer Musik darin, durch die fortwährende Veränderung des Klangmaterials, das heißt, durch die Spengung der Harmonie, des Akkords und die Befreiung des Tones von den ihm auferlegten Regeln neue Dimensionen des Musikmachens und des Musikhärens zu schaffen. Bestes Beispiel dafür ist "Systemisch" von Oval. Drei junge Herren, die weitab der herkömmlichen Produktionsweise von Technomusik arbeiten. Während normalerweise die einzelnen Lines mittels Mixing synchron übereinander gelegt werden und somit eine Dramaturgie entsteht, die als gewollte auch hörbar ist, lassen Oval Geräusche, hauptsächlich die Geräusche, die eine hängende CD verursacht, sowie zufällige Töne und Loops simultan ineinander laufen. Das Ergebnis ist die Sprengung der linearen Verkettung von Zeitmomenten; eine Musik, die man sich nicht vorher vorstellen kann und die man deshalb auch nicht wollen kann. Eine Musik, die den Zuhörer durch die Zufälligkeit der Töne fesselt. Musik muß nicht frei sein von all diesen störenden Geräuschen, sie kann diese Geräusche auch aufnehmen. Hier liegt die Produktionsweise von Oval begründet, die sie selbst Klangdesign nennen. Synthesizer finden sie ebenso langweilig wie analoge Geräte, wogegen Sampler schon interessanter sind. Sind sie es doch, mit denen das Geräusch einer hängenden CD im Track eingebaut wird. ähnlichkeiten zu "Systemisch" weist Global Electronic Network´s "Rolleiflex" auf: Vereinzelt trifft man auch hier auf zufällige Sequenzverläufe, die teilweise sehr unangenehm klingen und schizophrenes Hörvermögen beinahe vorraussetzen. Der andere Teil des Doppelreleases, die "Weltron", ist eigentlich eine Ambientplatte, wobei aber bei beatlosen Tracks auch das Zufällige dominiert. Stark ambientorientiert ist auch die Khan-Solo-Teninch "Sweet Pink Lemonade", womit uns bestätigt wird, daß Ambient neben Breakbeat oder Jungle auch über großes experimentales Potential verfügt. Nun steht natürlich die Frage, was nach einem derartig radikalen Werk wie "Systemisch" kommt. Vielleicht sollte man sich überraschen lassen. Sicher sind Mille-Plateaux-Releases wie "Rolleiflex" oder eben "Systemisch" der Schritt in die Zukunft progressiver elektronischer Musik, auch wenn dies vielleicht weniger mit Techno zu tun hat. Sicher ist auch die Zufälligkeit, das öffnen von Zeithorizonten richungsweisend für zukünftige Erscheinungen auf diesem Label. Ich erachte es auf jeden Fall für besonders wichtig, über Mille Plateaux und seine Idee zu schreiben, wo man doch immer mehr über die eingefahrenen Prinzipien der vielleicht doch nicht so progressiven elektronischen Musik diskutiert und die Gedanken, die Mille Plateaux zugrunde liegen, durchaus reell sind. Noch in diesem Jahr wird auf dem Label ein Buch erscheinen, das diese Gedanken ausführlich erläutert. Das Buch wird "Maschinelle Strategie" heißen und ist, wie "1000 Plateaus" wohl auch, seine Lektüre sicher wert. Mille Plateaux wird wie auch Force Inc. immer ein progressiver Vorreiter sein, nicht zuletzt aufgrund des progressiven Denkens seines geistigen Vaters Achim Szepanski.


MILLE PLATEAUX DISCOGRAPHIE


MP1 	Modulation & Transformation
MP2	Alec Empire "Limited Editions 90-94"
MP3	Alec Empire & Ian Pooley "Pulse Code EP"
MP4	Age "The Orion Years"
MP5	Ric "Distance"
MP6	Khan "Sweet Pink Lemonade"
MP7	GEN "Time Square"
MP8	Cristian Vogel "Beginning to understand"
MP9	Oval "Systemisch"
MP10	GEN "Rolleiflex Welltron"
MP11	Alec Empire "Generation Starwars"
MP12	GEN "Electronic Desert"
MP13	Oval "94 Diskont."
MP14	GEN "Electronic Desert"
MP15	Modulation & Transformation 2


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