Labelportrait Raster Musik

"Mich würde mal interessieren, woher ihr die Information habt. Wir haben das doch eigentlich bewußt verschwiegen."

Nein. Verschwiegen können sie es nicht haben. Wir jedenfalls haben bereits lange vor dem Erscheinen des Infofaxes erfahren, daß die ehemaligen AG-Geige-Mitglieder Frank Bretschneider und Olaf Bender in Chemnitz ein Elektroniklabel gegründet haben. Es war erstmal schön zu hören, daß sie wieder da sind; haben sie doch mit AG Geige unsere Jugend beeinflußt wie keine andere Band. War ihre selten harmonische Disharmonie bizarrer elektronischer Klangkörper und surrealem Sprechgesang bei ihrem ersten Auftauchen wie etwa in DT 64's "Duett - Musik für den Recorder" eine einfach vorhandene lustige Sache, so wurde sie später durch Wiederentdeckung gewissermaßen zum Sinnbild der Befreiung des Wortes und des Geräusches aus ihren jeweiligen Zwängen. Was wir aber erst im Nachhinein so deuten konnten, nachdem wir mit den Theorien der elektronischen Musik konfrontiert wurden.
So hatte ich schon immer den Wunsch, diesen Leuten einmal gegenüberzusitzen, und auch deshalb, weil nach dem Untertauchen der AG Geige noch jede Menge Fragen offenblieben.
So war das Wiederauftauchen mit Raster Musik der Anlaß für ein langes Gespräch über Past, Present und Future.

Ganz oben auf der Liste stand die Frage, wie sich aus AG Geige Raster Musik entwickeln konnte.

Frank: "Am Anfang haben wir gedacht, von der Band leben zu können, was natürlich nicht ging, denn es gab nie große CD- und Plattenverkäufe oder so was. So hat sich jeder umgesehen, was er stattdessen machen könnte. Der Jan hat dann den Plattenladen eröffnet, Kiox, du (zu Olaf) hast dann Schule gemacht...da waren noch Pläne für eine dritte Platte, Pläne, noch eine Tour zu machen. Wir hatten alle immer weniger Zeit, so daß wir gar nicht mehr geprobt haben. Schließlich setzten wir uns zusammen und haben uns gefragt, ob wir denn noch eine Platte zusammen machen wollen, was alle bejahten. Trotzdem verging ein halbes Jahr, bis ein paar Aufnahmen entstanden. Dazwischen haben wir alle eigene Projekte gehabt wie Machine Head, wo wir zu dritt so EBM-Zeug gemacht haben. Es war nicht so, daß wir einfach aufgehört haben. Zum Schluß war eigentlich nur noch das ganze Equipment da und niemand hatte mehr Zeit. Und als wir dann einen Proberaum angeboten bekamen, haben wir alles dorthin geschleppt. Wir wollten einfach weiter Musik machen, aber wir wollten weg von diesen flachen Texten."

Olaf: "Ich glaube, das war aber nur eine Seite. Auf der anderen gab es einen Haufen handfeste Gründe; zum Beispiel hatten Jan und Ina ein Kind bekommen. Im Grunde genommen hat an dem ganzen Konzept der letzte Kick gefehlt."

Frank: "Auch die Texte, an die wir uns immer geklammert haben, haben sich immer nur im Kreis gedreht. Musikalisch sollte es härter werden, rhythmusbetonter, aber wir wußten nicht, wie wir das machen sollten."

Olaf: "Die Idee mit dem Label war schon da, aber wir wissen bis heute nicht, aus welcher Motivation heraus."

Einerseits fehlte das Backfeed, das AG Geige als Band natürlich brauchte, andererseits wurden Frank und Olaf in der Entscheidung, wie es denn weitergehen sollte, vor allem vom Berliner DT-64-Umfeld, welches die Band ja überhaupt richtig bekannt gemacht hat, bestärkt.

"Wir hatten ja eine Option auf eine zweite Platte bei der damaligen Plattenfirma, aber wir hatten keine Lust, was zu machen, weil die auch nichts gemacht haben."

Die erste AG-Geige-Scheibe auf AMIGA erschien unglücklicherweise genau zur Zeit der Währungsunion.
"Da hat es nun wirklich überhaupt niemanden interessiert."
Sie hätte bereits zwei Jahre früher erscheinen können und wäre sie früher erschienen, wäre wohl alles ganz anders gelaufen. Sicher war das ein Grund zu sagen: Jetzt machen wir alles selber.

"Vieles, was bei uns aus Spinnerei entstanden ist, war oftmals besser als manche Veröffentlichungen - ähnlich, wie man live besser ist als wenn man alles im Studio zusammenbastelt, wo man unter Druck sehr effektiv arbeiten muß. So hat damals auch die Entstehung unserer Texte funktioniert."
Die Spontanität der Entstehung war auch gerade das Witzige daran.

Was uns am meisten auf den Nägeln brennt, ist, was sie sich eigentlich überhaupt vorgestellt haben, was AG Geige einmal werden sollte.

"Das war relativ klar umrissen. Das, woran wir uns damals orientiert haben, waren Sachen von Lori Anderson oder Throbbing Chrystal. Harte Elektronik. Aber wir wollten auch Texte machen, und mit deutschen Texten ist es immer schwierig; egal, was für Musik man macht, mit deutschem Text kommt man immer in anderes Fahrwasser. Das ist immer was anderes. Es gibt ein paar Bands, die das Problem ganz gut gelöst haben,die den Text mehr versteckt haben, so daß die Musik im Vordergrund stand. Das ging natürlich bei uns nie. Da spielte im Studio immer der Text die vordergründige Rolle und die Musik ging immer ein bißchen unter. Und dann sollte daraus eine Art Multimedia-Show werden, mit Film und so."

Manche der Stücke empfindet man tatsächlich wie Filme und auch die Musik läßt sich als solche wahrnehmen. Sie steht mehr neben dem Text als dahinter und gelegentlich tritt sie auch deutlich hervor, so daß sich bestimmte Passagen im gleichen Maße einprägen wie der Text. Sicher gibt es nichts, was besser zu der Musik gepaßt hätte als spontan gesprochenes Wort.

Olaf: " Es ist natürlich leichter, einen Text zu zitieren oder einen Auszug aus einem Text zu erzählen, als die Musik nachzusummen. Aber mich hat immer gestört, daß es sich bei manchen Stücken nur auf den Text reduziert hat. So hat sich dann vieles an Gesprächen und was sonst noch zurückkam, nur auf die drei oder vier Pointen bezogen, die es da gab. Wir hatten auch teilweise ganz schreckliches Publikum, vor allem in Studentenkellern. Lauter Typen, die jede Textzeile kannten. Das war wie ein Vereinsabend, wo dann alle mitgrölten. So richtig beschissen. Das wollten wir ja nun überhaupt nicht und das hat uns auch unendlich genervt, genauso wie diese ständigen Vergleiche, zum Beispiel mit Max Goldt und lauter solchem Zeug. Was wirklich gut war, waren die Texte zusammen mit der Liveshow."

Gab es eigentlich jemals Kritik an den Texten von staatlicher Seite?

"Wir kamen fast immer drumherum, weil keiner mit unseren Texten so recht etwas anfangen konnte. Aber ich kann mich entsinnen, daß man die Texte sehen wollte, als wir in Berlin spielten."

Der Text: eine späte Erscheinungsform des Dadaismus, aber auch Ausdruck von Kritik oder Ironie.

"Sobald etwas haargenau und klar umrissen ist, wird es schon wieder albern. Irgendwie ist da eine Angst."
Angst vor Unklarheit.

"Insofern ist das immer doppelt gesponnen. Klar, das hat viel mit Dada zu tun. Das war es ja auch, was uns immer interessiert hat. Der Jan hat so einen Humor, der das auch gefördert hat. Die besten Texte sind wirklich spontan entstanden."

Im Verlaufe der weiteren Entwicklung spielte DT 64 eine bedeutende Rolle:
"Wir hatten damals ein riesiges Airplay in der Sendung Pa-Rock-Tikum, die Lutz Schramm gemacht hat."

Lutz Schramm war dann auch derjenige, der die ersten Aufnahmen produzierte.
"Das hatte so eingeschlagen, daß er sich dafür einsetzte, daß wir ein paar Rundfunkproduktionen machen konnten."

Und dann war da noch diese Duett-Sendung...Es ist beachtlich, wie damals solche Arten von Kunst derart gefördert wurden.

"Es gab auf die Band viele verschiedene Betrachtungsweisen. Die, die im Laufe der Zeit mehr und mehr Überhand nahm, war das Klischee von der Spaßband. Scheusal und Cola und so. In sowas gerät man hinein und versucht gleich, wieder herauszukommen. Man kann's natürlich auch anders machen und so ein Image ganz gezielt pflegen, aber das wollten wir nie; weder Systemkritik noch eine Kasperband."

Große Angst treibt die Elektrizität aus den Häusern und die Menschen müssen mit riesigen Stelzen einholen gehen. Das "Küchenlied" repräsentiert nicht nur modularen, völlig freien Sprachgebrauch, sondern zeugt auch, besonders an dieser Textstelle, von einer gewissen Satire gegenüber der DDR. Kaum etwas ist symbolischer für deren Zeit wie der Begriff des Einholens.

"Das Prinzip an der ganzen Sache ist, daß es relativ offengelassen wurde und den Leuten die Möglichkeit gegeben wurde, verschieden zu interpretieren."
"Wir wollten danach halt einfach weiter Musik machen. Wir hatten das gesamte Equipment in diesem Raum und uns war klar, daß wir alles selber machen, wenn es weitergeht. Es sollte nicht AG Geige ohne Text sein, sondern etwas völlig neuartiges."

Das Equipment bestand aus im Laufe der Zeit zusammengesammelten Geräten, die zur damaligen Zeit: "...schweineteuer waren. Mein C 64 mit 5/4-Zoll-Laufwerk hat mich siebentausend Ostmark gekostet. Und ich habe achthundert Mark im Monat verdient. Alles irgendwie zusammengekratzt."
Desweiteren bestand es aus einem Korg MS 20, den Frank von einer Dancefloor-Band abkaufte, sowie einer E-Gitarre und etlichen Kinderinstrumenten. Dann brachte Jan Kummer von einer Westtournee des Schauspielhauses, in dem er beschäftigt war, ein paar Keyboards mit und ein Echogerät. Zusammengespartes Geld wurde ständig in Instrumente umgesetzt. Angesichts der Schwierigkeiten, die schon allein die Beschaffung der Geräte darstellte, ist es schwer nachvollziehbar, warum AG Geige ausgerechnet in die elektronische Richtung ging.

Frank: "Das hat uns eben interessiert. Tangerine Dream oder, noch früher, Pink Floyd, später Kraftwerk und so weiter, das hat uns schon immer sehr gefallen. Wir standen nie so auf Gitarrenrock. Genau wie heute klang das alles so anders, war sperrig und starr. Ein Element, welches man dann lange nicht gehört hat, mit welchem man aber genau in die jetzige Zeit paßt, deren Musik stark rhythmisch ist, sich ständig wiederholt und wenig, aber immer verändert. Solche starren Sequenzen haben wir mit einer Bandschleife produziert, als wir noch keinen Sequenzer hatten. Diese Elemente sind immer da gewesen."

Olaf: "Ich glaube, das sind die Elemente, die heute noch eine Rolle spielen. Für uns gab es dann mal so eine Phase, wo wir uns überlegt haben: Weshalb machen wir eigentlich was? Uns geht es immer um einen komischen elektronischen Sound, der nicht so klar umrissen ist...Ich kann das nicht beschreiben..."

Frank: "...na, was hinzukommt, ist dieses eiserne Rhythmische, das sich so oft wiederholt, daß du ständig was neues entdeckst."

Etwas, was sich nur wenig ändert, aber nicht aufhört, sich zu ändern. "Im Prinzip das, was heute läuft."

Der Anfang der Neunziger nach Europa schwappende Techno und die Folgen wurde von den AG-Geige-Mitgliedern, nicht zuletzt über Jan's Plattenladen, registriert und genau verfolgt. Frank Bretschneider erinnert sich an Überspielungen Frankfurter Compilations und lange nicht mehr gehörte Klänge:
"...und habe mich damals unheimlich gefreut, daß ich auf einmal diese alten Synthesizer, die man ewig lange nicht mehr gehört hat, dieses Gequietsche und Gequake, wo ich mich so deutlich dran erinnern konnte; daß ich das wieder gehört habe. Das hat mich richtig umgehauen und ich habe gedacht: Mensch! Die machen jetzt auch sowas!"
Da hat es denn auch wieder in den Fingern gezuckt.
"Wir hatten so diesen Übergang mit Machine Head. Das war zwar sehr EBM-lastig, viel Rhythmus und viel Echo, und da war auch Gesang dabei (englisch), aber das ging schon sehr in diese Richtung, wenngleich eine ganz andere Auffassung über den Umgang mit Elektronik. Die letzten Sachen, die wir gemacht haben, sind ähnlich. Wir haben zum Beispiel Rhythmus mit Echoeffekten produziert."

Die Gründung eines eigenen Labels resultiert doch erfahrungsgemäß aus dem Gedanken, anderer Leute "Zeug" an den Mann zu bringen. Es ist eine Flucht nach vorn und die Labelowner sind jetzt selbst diejenigen, mit denen sie sich früher herumärgern mußten, und damit sie das nicht mehr müssen, sind sie selber welche.
"Es gibt vielleicht zwei oder drei außer uns, aber da wir die Mix- und Schneidarbeiten übernehmen, kann man schon von eigenen Produktionen sprechen." - "Das Label gibt es, weil wir alles unter Kontrolle haben wollten, was heute auch ohne viel Geld möglich ist. Und wir wollen es nicht ausschließlich für uns machen, sondern auch Sachen veröffentlichen, die uns gefallen. Die Producertätigkeit geht für uns vor."

Der Name Raster Musik steht nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, für Musik fernab von allen Rastern, sondern, im Gegenteil, für ein bestimmtes Raster, in das sich alles einfügt. Veröffentlicht werden soll charakteristische elektronische Musik. Das Raster ist ein einfaches starres Muster, welches, geringfügig moduliert, den Hörer in einen Trancezustand versetzt. Ein Gerüst aus ständigen Wiederholungen, das einfach und überzeugend zugleich ist. Hier kann man keine Regeln aufstellen.

Frank: "Das kann man schlecht beschreiben. Es gibt keine Kriterien, es muß uns halt gefallen. Das heißt, daß irgendwo ein straighter Rhythmus da sein muß, der durchaus zehn Minuten lang sein kann. Das ist immer verschieden. Wenn da irgendwelche Keyboard-Melodien dazukommen, die den Rhythmus im Endeffekt kaputtmachen, dann kann es passieren, daß ich das gleich wegschmeiße."

Olaf: "Wir sind ein Elektroniklabel, kein Technolabel. Sicher ist es zeitbedingt, daß das jetzt gerade in ist, aber wir wollen uns da nicht so dran festhalten. Schon aufgrund dessen, daß wir uns ja nicht nur aus dieser Szene heraus entwickelt haben."

Daß nun gerade das erste Release so klingt, als wäre Raster ein Technolabel, war Zufall und liegt daran, daß die Kyborgs eben diese technoide Auffassung über elektronische Musik teilen und daher mit den einschlägigen Geräten arbeiten. An Klangexperimenten sind sie nicht interessiert. Aufgabe der nächsten, für dieses Jahr noch fünf geplanten, Releases wird es also sein, einen Definitionsbereich abzustecken.
Für klangliche sowie künstlerische Experimente gibt es ein Sublabel namens Notone. Dessen Owner ist der Maler Carsten Nicolai, vielleicht bekannt durch seine Ausstellung SpinKäfig, zu der es auch Spins auf Vinyl gibt. Notone's Konzept ist also Musik von Künstlern aller Art für Kunst aller Art. Es geht längst nicht mehr nur um Musik.

Nun mag man vielleicht denken, Raster Musik haben es sich als Listening Label unnötig schwer gemacht, indem sie als erstes Release etwas völlig anderes herausgebracht haben, aber so weit weg liegt das Raster gar nicht.

"Wenn du Sachen von WARP hörst - in dem Bereich liegt das irgendwo. Oder Mille Plateaux..."

Stichwort Mille Plateaux. Achim Szepanski sieht den Einsatzort der elektronischen Musik darin, die Harmonie, den Ton zu sprengen und somit das Tor zu öffnen für das Geräusch an sich.
Zitat: Die MIDI-Software bildet das Tor für die Öffnung von Zeithorizonten, jenseits der linearen Verkettung von Zeitmomenten.

Ähnliche Worte finden sich auch auf dem Cover der "Trickbeat"-Scheibe:
"Von Interesse ist hier der Einsatz eines elektronischen Instruments mit angeschlossenem Computer; ein Gerät, das einen realen Zeitzugang zu einem Level des kompositorischen Prozesses, das bis jetzt unmöglich war und das die Musik um ein weiteres Ausdruckselement erweitert."

Diese gedankliche Kongruenz beweist ganz deutlich, daß AG Geige alles andere war als die Spaßband mit den lustigen Texten; da waren eindeutig Vordenker elektronischer Musik am Werk. Und diese Pionier-Rolle werden sie immer innehaben, auch wenn ihre musikalische Vergangenheit für sie selbst ein abgeschlossenes Kapitel ist.


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