Richard Bartz


Vor mir auf dem Teller liegt ein rundes Stück Plast. Ein glänzend schwarzer kreisrunder Ring um schwarze, weiße und gelbe Streifen. Sci-Fi. Millionenfach darniederprasselnde winzige Glasperlen und Stücke von Holzröhrchen verursachen ohrenbetäubendes Rasseln und Klingeln, blechernes Pfeifen und rauschende Felder aus Mikadostäben beziehungsweise Flächenenvolventen aus alten hellblauen Synthesizern oder herabstürzendem analogen Gebrodel über treibenden fetten Beats. Auf dem Weg vom Ohr zum Auge werden Informationen codiert und wieder decodiert und erscheinen dir als Fragmente aus Perry Rhodan, Raumschiff Orion oder der Invasion vom Mond. Science Fiction pur: trotz des herkömmlichen Achtmillimeterformates eine audiovisuelle Revolution durch bis ins Detail ausgefeilte Klangbilder aus noch nie gesehenen/gehörten Elementen.

München.
Hier wohnt der Maschinist und Regisseur Richard Bartz. Seit seinem futuristischen Kassenschlager ist es sehr still um ihn geworden. Vor wenigen Wochen ist er plötzlich mit dem letzten Teil seiner Endzeitheldentrilogie "Acid Scout" wieder da.
"Es war eine Art Schaffensprüfung, wo ich überlegt habe, wie es weitergeht. Und die 'Pot' deutet schon an, wo es hingehen soll. Es ist ja so, daß auf Disko B. immer Endresultate erscheinen, während Kurbel mein Experimentierfeld ist. Und viele der auf Kurbel erschienenen Sachen spiegeln sich klanglich in der 'Pot' wieder. Es sind viele solcher Style-Wars-Elemente drin. Acid Scout steht für ekstatische Tracks. Allerdings gibt es im Vergleich zu früheren Acid-Scout-Platten auf der 'Pot' doch Unterschiede."

Auf Richard's Platten stehen die unterschiedlichsten Namen. Außer seinem eigenen eigentlichen zum Beispiel Acid Scout oder Maschinist; vielleicht noch mehr, die hier aber nicht verraten werden sollen.
"Das sollen die Leute selber rausfinden. Ich finde es lustig, zu rätseln, was von wem ist. Ich verstecke mich auch gern hinter anderen Namen, mit denen ich nicht gleich in Verbindung gebracht werde. Denn die Leute haben ganz andere Empfindungen und Illusionen beim Hören, wenn sie nicht wissen, von wem die Platte ist. Dagegen ist Acid Scout ein Projekt, an dem man mich anfassen kann."

Unterschiede im Material, das unter den einzelnen Namen auf den einzelnen Labels erscheint,gibt es; auch wenn sie keine gravierende Stiländerung darstellen: Auf Disko B. dominiert der Schöngeist, Tiefgründigeres gibt es auf Kurbel.
"Wobei die letzte Acid Scout zwar happy ist, aber gleichermaßen auf einem ziemlich deepen Level steht. So kann man sich wohl vorstellen, daß das, was auf Kurbel erscheinen wird, in puncto Deepness dem Faß den Boden ausschlägt."

Der spingende Punkt. Das eigene Label. Und nennt es Kurbel.
"Der ausschlaggebende Punkt war, daß Leute gesagt haben, daß es ihnen besser gefällt, wenn ich live spiele. Manche Stücke klingen live gespielt besser als auf Platte. So habe ich angefangen, Sachen, die ich live spiele, auf einem eigenen Label herauszubringen. Ich habe ja immer Überschuß, da auf Disko B. aller drei Monate was erscheint, ich aber ständig produziere. Deshalb habe ich beschlossen, die Zwischenstufen der Evolution auf Kurbel zu zeigen." Kurbel ist ein Spielplatz. "Auf Kurbel kann ich auch meinen eigenen Film drehen. Disko B. hat ja ein eigenes Programm. Und ich mache das meine auf Kurbel. Wenn man sich die Scheiben und die Cover später mal ansieht, wird man feststellen, daß sie eine Einheit sind, zusammen ein eigenständiger Film. Die einzelnen Releases werden also aufeinander abgestimmt."

Kurbel ist gefühlsechter. Eine runde Sache. Und ein eigenes Label hat sich der Maschinist auch immer gewünscht.
"Ich mag sehr gerne einfache Sachen. Die Sci-Fi ist die schönste Platte, die ich habe, weil sie so schlicht ist. So schwarz-weiß; ganz dezent. Sowas mag ich total, und auf Kurbel kann ich das auch machen. Einfarbcover, bißchen Schrift drauf - das taugt mehr und ist auch realer, ist wie die Musik und die ganze Bewegung im Leben."

Mehr Schein als Sein: "Style Wars" klingt wie volle Kraft voraus, wie geschäftiger Betrieb in einer großen Fabrikhalle. Aber außer den industriellen Maschinenklängen und den dicken Beats ist da nichts. Die Dynamik der Töne täuscht über ihre spartanische Anordnung gekonnt hinweg und an sich ist alles streng minimal. "Bis auf den A-Track. Der ist krass. Aber eigentlich ist da auch nicht viel drin. Da sind nur diese fetten Sounds, die das Ganze so dick machen. Aber es sind nicht viele Töne. Es scheint, als säße da ein ganzes Orchester, aber da sitzen nur zwei Mann: einer spielt Schlagzeug und einer Synthie. Alles Illusion. Die Leute sind getäuscht. Der Trick hat funktioniert." Mehr Schein als Sein. (Was zu beweisen war.)

Damals: Angefangen hat bei Richard alles mit Hip Hop. "...dunkles Thema..." Der Übergang über Acid zu Disko B. war fließend.
"Wie am Reißverschluß... Ich habe einfach angefangen zu machen und hätte nie gedacht, daß ich das mal aus der Hand gebe. Ich habe das nur auf Kassetten kopiert, zum Verschenken an Freunde. So bin ich beim Upstart gelandet, der gemeint hat, er würde das herausbringen. Ich hätte nie geglaubt, daß sich noch jemand dafür interessiert."

Minimaler Acid definiert die ersten Produktionen des jungen Regisseurs und prägt auch die aktuellen/nächsten.
"Ich habe viel Zeit damit verbracht, für den Hell zu produzieren, anstatt mich um mich selbst zu kümmern, was ich von Anfang an wollte, und habe erstmal eine Weile gebraucht, um zu meinem Stil zurückzufinden, beziehungsweise mich in Disko B. zwischen all den Acts einzuordnen. Und die Sachen auf Kurbel gehen dorthin zurück, wo ich angefangen habe. Ich kriege das auch nicht los. Ich habe schon früher so treibende Sachen gemacht. Das ist irgendwie in mir drin; ich weiß auch nicht, woran das liegt. Ob da irgendwas in der Kinderzeit war....ich hab' schon tief in der 'Psychokiste' gekramt, aber nichts gefunden, was mich antreibt. Wahrscheinlich ist es die Geilheit, Tracks zu machen."

Kinder - offener gegenüber Einflüssen und Schlüsselerlebnissen?
"Meine älteren Brüder haben viel Electronic gehört - von Jean-Michael Jarre über Electric Light Orchestra bis Visage. Das war eigentlich so ein Einfluß, da ich keinen eigenen Recorder hatte und immer bei meinen Brüdern im Zimmer Musik gehört habe. Jede Musik. Ich hatte gar nicht die Möglichkeit, mich selber zu kümmern. Es gab nur das, was da war. In der Schule ging das schon besser, als wir untereinander Breakdance-Kassetten getauscht haben. Das waren dann die ersten Sachen, die einen wirklich interessiert haben und die man richtig toll fand. Das war vorher nicht gegeben. Vorher war halt einfach nur Musik da, die als solches nicht angenommen wurde."

Die erste Acid Scout sollte 1992 auf Disko B. erscheinen, kam aber aufgrund eines Fehlers im DAT nie heraus. Worüber man sich bei Disko B. noch heute ärgert. Der durchschlagende Erfolg kam Anfang 1994 mit der "4 Grad". Aber das war reiner Zufall. Damit hatte keiner gerechnet. Ist einfach passiert.

Wie bereits angedeutet, war Richard auch mit Hell und Electric Indigo zusammen im Studio. Sprung aus den Wolken. Auf dem kleinen österreichischen Label Pomelo erschien unter der Nummer NullZwo und dem Namen Horn des Maschinisten "Schall Und Rauch".

Zwischen den Sessions ist der Maschinist als Programmierer tätig. Vor allem im Internet. Das Einrichten einer Kurbel-Homepage war ein Schwerpunkt in seiner vergangenen halbjährlichen Schaffenspause. Richard meint, ein Internetzugang sollte zu den freien Grundrechten des Menschen gehören und kostenlos nutzbar sein. Diese Bereicherung für Gesellschaft und Kommunikation sei etwas, was ein Staat jedem Bürger geben müßte. "Das muß kommen." Aber birgt das nicht die Gefahr, daß sich das gesamte Leben am Monitor abspielt und keiner mehr den Trieb hat, sich außerhalb der vier Wände zu beschäftigen?
"Derjenige, der es nicht braucht, wird es sich nicht holen. Wer nicht kommunikativ ist, der wird auch im Internet einsam bleiben. Die Internetgesellschaft ist unserer absolut identisch. Und es ist doch viel angenehmer, völlig frei sitzend über einen Monitor zu kommunizieren als sich irgendein Plastikteil ans Ohr zu halten. Wenn man sich so darüber unterhält, hat man wohl immer das klassische Bild vor Augen mit dem flimmernden Monitor. Aber das wird es irgendwann mal nicht mehr geben. Es gibt bereits jetzt strahlungsfreie Monitore, die sind wie Papier, wie bedrucktes Papier, das sich selbst animiert und seine Farben ändert. Die kann man wie ein normales Buch auf den Tisch legen und hineinschreiben. Mit dem Unterschied, daß man kein Papier mehr verbraucht. Es müssen keine Bäume mehr sterben. Das einzige Problem ist der Elektrosmog. Die Leitungen müssen eben ordentlich abgeschirmt werden wie jeder andere Mechanismus oder Organismus auch. In uns sind ja auch Nervenbahnen, die mit Eiweißschichten isoliert sind. Wenn die nicht isoliert wären, würdest du Muskeldestrophie kriegen; Muskelzuckungen, weil Nervenbahnen aneinandergeraten. Das Internet ist letztendlich auch nichts weiter als ein Organismus; ein Über-Organismus. Es wird immer Menschen geben, die davor Angst haben. Man muß immer die reale Welt von der virtuellen unterscheiden können. Wenn man das nicht mehr kann, muß man aufhören. Ich glaube, der Computer bietet noch viel zu wenig, als daß man auf Dauer daran hängenbleibt. Ich habe auch einen 'tollen Rechner, der alles kann', aber ich bin gern draußen. Ich genieße das."

Techno hat nie aufgehört, das Synonym für die fortschreitende Technologisierung zu sein. Man hat Musik seinen Namen gegeben, die man sich als den Klang der Technologisierung vorstellt. Und immer war die Musik ein Ebenbild des technischen Fortschritts.
"Techno Music wird auch die Musik des Internets sein, denn es ist die Musik des zwanzigsten Jahrhunderts. Was sollte denn noch kommen? Elektronische Musik beziehungsweise Techno ist die phantasievollste Musik, die es gibt oder die ich jemals gehört habe."

Längst ist die elektronische Bearbeitung von Tönen auch in konventionelleren Musikbereichen gang und gäbe. Techno ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken; die Technologie schon gar nicht und die Musik auch nicht. Keine Diskussion.
"Das ist doch auch alles kopiert, geschnitten und verpackt. Und in jedem Sample ist noch ein Signal drin, von wem es ist, und wenn es im Radio läuft, wird genau abgerechnet. In jedem Musikstück sind etliche dieser Signale und man kann die einzelnen Bestandteile genau feststellen und, von wem sie stammen." Bei der Vielfalt an Tönen wird es freilich schwierig sein, das Urheberrecht durchzusetzen. "Was heißt denn Urheberrecht? Das Recht an der Komposition. Aber der Urheber sind doch eigentlich die, die die Maschinen konstruieren. Die Urheber sind Moog und wie sie alle heißen. Aber ich denke, das Urheberrecht wird sich auf Kompositionen beschränken, denn die Töne haben ja eigentlich keinen Wert."

Wo Musik anfängt: "Ich unterscheide zwischen Tönen und Musik. Musik ist eine harmonische Aneinanderreihung von Tönen, die ab einem bestimmten Intervall als solch wahrgenommen wird. Irgendwelches Pfeifen oder das Ticken einer Uhr sind für mich keine Musik. Es gibt Töne, Rhythmus und Musik. Wenn ich zum Beispiel einen Ambient Track mache, dann habe ich meinen eigenen Rhythmus. Irgendwo vor meinem Haus steht eine fette Eisenbahnbrücke, auf der alle dreizehn Minuten ein Zug vorbeifährt. Ich habe den Rhythmus schon voll drauf. Und so geht das Stück dann auch dreizehn Minuten. Und heißt 'Dreizehn Minuten'. So kommt das zustande. Wenn man zuhause sitzt, wird einem schnell langweilig. Da sitze ich dann da und überlege mir was. Der Track 'Junkjard' zum Beispiel heißt deshalb so, weil bei meinem Haus in einer Nebenstraße ein Wohnheim steht für obdachlose Männer. Die hängen immer vor meinem Haus auf dem Platz rum. Und immer, wenn ich aus dem Fenster schaue, liegen dort unten zwanzig Drogenopfer und fünfzig Alkoholiker stehen so rum. Jeden Tag. Wenn ich rausschau', sehe ich das halt und vertone es. Sie haben es auch gehört, als ich es produziert habe. Ich habe sie beschworen und beschallt. Das mache ich aber nicht bei jedem Track. Und wenn ich auf das Thermometer schaue und es zeigt drei Grad an, dann heißt ein Track '3°'. Einen Tag später sind vier Grad und der nächste Track heißt '4°'. Bei '3°' kam noch dazu, daß 3 Grad Kelvin die Hintergrundstrahlung ist, mit der sich das Weltall ausdehnt."

Der Maschinist macht sich über viele Zusammenhänge Gedanken und sieht darin die wahre Einsamkeit. Es gibt viel Phantastisches auf der Welt, aber Techno Music ist nur ein kleiner Teil davon. Es gibt auch Leute, die der Faszination des Lebens nachgehen, und keine Musiker sind und sich den ganzen Tag über alles mögliche Gedanken machen. Er stellt sich als Regierungsprinzip eine Oligarchie vor; einen Wissenschaftsrat aus lauter Gelehrten, die lange weiße Bärte haben und alles wissen.
"Ich hätte gern einen eigenen Server. Das fänd ich schon toll. Da würde ich nur Kultur providen. Ich bräuchte nur einen, der mir dreißigtausend Mark im Monat gibt für meiner Server, und würde dafür ein Riesen-Kulturteil aufziehen. Der Acid Scout Server. Der verrückteste Kühlschrank der Welt."

Das WorldWideWeb könnte etwas sein, was die Menschen befreit. Es gilt jetzt, die Grundsteine dafür zu legen, daß es alle nutzen können.
Für Richard ist das Netz eine von Techno völlig unabhängige Welt mit eigenen Regeln und Gedanken. "Aber ein guter Ausgleich." Ansonsten lebt Richard eher minimal. Fernab von jedwedem Techno-Lifestyle. Kein Auto. Dafür fährt er bei jedem Wetter mit dem Fahrrad. Oder läuft, soweit ihn die Füße tragen. Auch abgestaubtes Equipment abholen.
"Ich habe auch selber gar keine Plattenspieler. Ich kenne auch nicht so viel, oder interessiere mich nicht so sehr dafür. Ich kaufe ab und zu mal eine CD. Aber ich finde Vinyl schon toll. Ich halte Vinyl auch gern in der Hand. Das ist sehr angenehm. Aber ich würde mir nie Plattenspieler kaufen. Ich brauche auch meinen Ausgleich, wo ich gar nichts habe. Ich sitze ab und zu mal da und mache Sounds, lebe aber sonst ein ganz normales Durchschnittsleben. Und ab und zu überkommt es mich eben, dann sitze ich am Equipment und schraube."

Voll normal eben. Und im krassen Widerspruch zum Layout des ganzen Disko-B-Umfelds, zu Collagen aus gemalten Actionfilmplakaten oder Schmökertitelseiten, Asia Food und Fotos, die aus den Alben der Acts entliehen zu sein scheinen.
"Ich habe immer so Visionen von Comichelden, Irrealem, Science Fiction. Science Fiction lebt ja von Visionen und Gedachtem. Das meiste habe ich in der Kindheit verarbeitet. Ich habe immer Industrie- oder Produktionsfilme im Fernsehen geschaut, wo gezeigt wird, wie zum Beispiel Bleche gestanzt werden. Also ganz banale Sachen. Da waren so Synthie-Sounds druntergelegt, so richtig krasse, wie sie für Anfang der Achtziger typisch waren. Sowas habe ich das erste Mal mit vier Jahren gesehen, da wußte ich noch nicht mal, was mit den Maschinen gemacht wird. Später habe ich dann auch Schule geschwänzt, um diese Sendungen zu sehen. Das war für mich Science Fiction pur. Aber sonst gab es nichts, was mich richtig fasziniert hat. Da müssen die Marsmännchen schon wirklich landen, damit ich wieder einen Kick kriege. Akira finde ich ziemlich real. Ich kann mir Zeichentrickfilme in dem Zusammenhang viel besser vorstellen als Menschen. Menschen sieht man jeden Tag."
Menschen sind überall. Man trifft sie auf Parties, auf der Straße; überall Menschen, Menschen, Menschen. Zu bewußt ist dem Menschen das Menschsein, als daß man ihn ständig daran erinnern müßte. Es gibt auch noch anderen Space. Man kann den Leuten auch noch etwas anderes mitgeben.
"Ich würde gerne in einem Leuchtturm wohnen. Abgeschieden und erhoben würde ich meinen Sound machen. Und anstatt der Leuchte wäre da ein riesengroßes Horn. Ich müßte auch keine Tanzmusik machen, sondern es wären nur Signale an die Schiffe: ŽAchtung! Gib acht!Ž"


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