S! Zum Einstieg als auch Standart. Du hast 1992 deine erste Platte veröffentlicht - aus Braunschweig in Detroit - als erster und einziger Musiker aus Deutschland bei Plus 8. Das Gefühl, die Psyche der besagten +8020, kam doch nicht von ungefähr, oder?

Sysex: Ich habe eigentlich immer schon viel Musik gehört. Die Bereiche gestalteten sich dabei recht vielfältig, hauptsächlich vielleicht Blackmusic. In der zweiten Hälfte der 80-iger entdeckte ich dann inspirativ, die für mich ersten Detroit/Chicago-Technosachen, welche in mir ein großes Interesse hervorriefen. Bis ich dazu noch Underground Resistance hörte. Ich mochte sie, obwohl ich damit in meinem näheren Personenkreis allein stand.

S! "Underground Resistance" - Hieße das, daß du mehr in Richtung Detroit gingst, wo demnach ein Großteil deiner Inspiration liegt.

Sysex: Vordergründig waren Detroitsachen einflußgebend. Wie gesagt Underground Resistance, das heißt Mike Banks, Jeff Mills, natürlich auch Derrick May opferten mit ihre Seele. Es war ein direkter Kick, der auch prägend war. 90/91 schwappte dann mit Detroit Plus 8 nach Europa über. Wie Underground Resistance drückten Plus 8 gleich eine besondere Wirkung auf mich, sie brachten Platten, wie ich sie suchte. Ich finde sogar, daß in dieser Zeit die besten Plus 8-Produktionen entstanden. Krönend und eigentlich meine liebste Plus 8 war diese "From our minds to yours". Ich weiß jetzt nicht, ob es dir was sagt.

S! Sehr interessanter und aussagekräftiger Name, obwohl ich die Frage verneinen muß.

Sysex: Es war eine Plus 8-Compilation und mit ihr verbinde/verband ich typischen Plus 8 Sound, wie ich ihn liebe. Die Produktionen waren verhältnismäßig hart, aber der Charakter übertrug sich auf mich. Damals hieß bekanntlich ein Plus 8 - Slogan "The Future Sound of Detroit", welchen ich für mehr als angebracht hielt.

S! Ein Stein auf dem Weg zu Plus 8!

Sysex: Indirekt. Während dieser Zeit hatte ich mir die ersten Geräte nach Hause geholt und ich habe viele musikalische Impressionen gesammelt. So machte ich Musik.

S! Bei Plus 8 hast du dann angerufen, glaube ich.

Sysex: Ja, dadurch habe ich mein erstes Tape zu Plus 8 geschickt. Veröffentlicht wurden allerdings Teile meines 2. Tapes, natürlich war das erste das ausschlaggebende. Ich war irgendwie selbst überrascht, einmal über die Sachen, die ich selber gemacht habe und dann Plus 8. Obwohl ich für die überraschung kaum richtig Ausdruck fand oder diese überhaupt merklich war, da die Atmosphäre mit Plus 8 von Anfang an besonders war. Anfügen könnte ich noch, daß ich zum Zeitpunkt einer unter vielen Musikern war, die John und Ritchie zur Auswahl standen. Mich haben sie sodann ausgewählt, was im Prinzip schon ein enthusiastisches Gefühl hervorruft.

S! Du hast mit der Platte schon viel Empfindungen gegeben; am auffälligsten sehe ich dies nach meinem Gefühl bei dem Track "Intruder".

Sysex: Der gefällt den meinsten am besten, so sagen sie es mir nahezu ausschließlich. Mit dem Erscheinen der Platte fand ich eigentlich, daß sie bis dahin nicht in das Konzept der Plus 8 paßt, sie ist irgendwie zu hart (aggresiv) gewesen, deswegen war ich vielleicht überrascht darüber. Wie ich aber erst danach bemerkte, suchten Ritchie und John nach weiteren anderen Produktionen, die ihr Label erweitern könnten. Diesen Sinn (Future Sound) halte ich für den wichtigsten Hintergrund eines Labels. Das ist mir bei Basic Channel zum Beispiel zu gegensätzlich. Sie produzieren zwar relativ futuristische Musik, vom Prinzip unbestritten, ihre Platten tragen einen hohen emotionellen Charakter, aber gemäß besitzt jede ihrer Platten dasselbe Muster. Meiner Meinung nach hätten die ersten drei Releases des Labels ausgereicht.

S! Die Aussage ist vollkommen nachvollziehbar und ich muß eines sagen, daß ich nicht alle Basic Channel-Veröffentlichungen habe; die Macher und ihr Sound stellen eigentlich doch etwas Besonderes dar. Grund dafür gibt es nicht zuletzt die weitreichende Synonymität... Einer/zwei, die in dieser Weise total anders sind, progressiv, allerdings durch Können und hauptächlich Seele ist mein Empfinden für Himadri und Hurem oder Teste (Probe/plus 8/Switch-Detroit). Sie sind meine liebsten Musiker(wobei mit "Musik" wirklich, das ausgedrückt sein soll, was ich hinter dem Begriff "Musik" verbirgt - auch als Alternative, ohne Konventione... Kunst, Kultur). Obwohl zur Betrachtung (ihrer) Kunst nicht nur die Musik ausschlaggebend ist, sondern einfach ihr Ausdruck wenn du willst der Hintergrund ihrer Platten. Schade, daß das Verständnis für diesen Hintergrund fehlt. Das drückte sich in einer Rezession des Himadri auf Plus 8 (+8042) in der Raveline (als Beispiel) bisher am ergiebigsten aus. Sinngemäß stand da, daß bei der Produktion sonstwieviele Sequenzer durchgeknallt sein müssen, der Track "Ah Elektra" wurde zum Soundorgasmus "Ah Elektro" (zur Info Elektra ist in der Antike das Synonym für eine Vaterhörige gewesen). Abschließend wurde der für mich entscheidende Titel "Perverted Truth" zu einem vermeintlichen Ausrutsche diffamiert, worüber man allerdings wegen der restlichen Stücke hinwegsah. "Perveted Truth" ist mir selbst erst vom Ausdruck her nach mehrmaligem Hören erkenntlich geworden. Dann schaute ich mir die übersetzung "Verdrehte Wahrheit" (der Charakter "Unwahrheit" war für mich das anregende) heraus. Ich muß dazufügen, daß ich ein ziemliches philosophisches Interesse habe. Anspruch allerdings geht trotz alledem in unseren "Kulturkapitalismus" verloren. Himadri würde antworten "Licid hure".

Sysex: Ich habe ja auch schon einen Ihrer Tracks geremixt, allerdings entstand die mehr willkürlich.

S! Stimmt, Teste "The Wipe" die Probe 14 geremixt auf der Probe 17. Kennst du die beiden, weil du sagst, es entstand willkürlich?

Sysex: Teste gehört zu den Plus 8-Acts, die ich nicht persönlich kenne, obwohl ich doch einen ihrer Tracks bearbeitet habe. Die Bearbeitung, das ist das spontane, ergab sich für mich aus einem Gefühl, welches ich beim Hören des Originals empfand. Diese Empfindung versuchte ich dann zu verarbeiten, ein Remix der gepreßt werden soll, war aber nicht gedacht. Die Pressung arrangierten John und Richi, als sie die Remixe gehört hatten. Auf der anderen Seite der Probe 17 ist ja ein weiterer Remix von einer älteren Probe, Spawn ich glaube auf der Probe 2.

S! Probe 3. Die habe ich erst vor kurzem gekauft.

Sysex: Diese Platte inspirierte mich hauptsächlich durch ihren industriellen Charakter und wie dieser in den Stücken umgesetzt ist. Am besten gefällt mir auf der Probe 3 der düstere Track mit den tiefen Flächen im Hintergrund, ich glaube "Infiltration".

S! Davon finde ich den kurzen Part am herausragensten und den Track "The Thinking Man", vielleicht auch wegen des Namens. Die Titel auf der Probe 17 hast du demnach nur aus eigenem Enthusiasmus, aufgrund der Vorlagen für dich eingespielt?

Sysex: Naja, ich habe sie John dann vorgespielt und er war begeistert und wollte halt die Platte mit den Remixen machen.

S! Die Platte und deine Stücke bekommen dadurch schon einen Sinn von Eigenständigkeit, deinen Remix von "The Wipe" finde ich sogar besser, progressiver, kongenial gegenüber dem Original. Ich muß sagen, ihr habt euch intensiv mit dem Thema säubern/Wischen befaßt, so lautet die übersetzung von "The Wipe".

Sysex: Ja ..., das wußt ich noch gar nicht. Ich hatte einfach nur das Gefühl und versuchte, das zu verarbeiten.

S! Eine Art individuelle Interpretation zu schreiben. Für diese ist die Musik das Mittel mit der die bewußten Gedanken, die eigene Betrachtungsweise niedergeschrieben werden. Du bist dabei vollkommen von einem Thema ergriffen, das direkt vor deinen Augen ist. Es entwickelt sich eine Art Leidenschaft und Leidenschaften äußern sich immer recht vielfältig und Leidenschaft ist zudem ein Gefühl von Offenheit, was die Interpretation zu einem offenem Bekenntnis werden läßt. Einfachstes Beispiel dafür ist, daß die Wahl der Instrumente, demzufolge der Musikrichtung, völlig egal ist. Die Musik/Kunst ist frei. Als DJ habe ich damit allerdings mehr Probleme, als vielleicht du als Produzent, ich bin unmittelbar von einem Publikum abhängig. (In der Zwischenzeit gesellte sich Heinrichs Begleiter zu unserem Gespräch, den Heinrich mir als Reiner vorstellt, wobei Worte wie "Arbeitssklave" fielen. Zudem ist Reiner ebenfalls musikalisch tätig, mit dem Unterschied, daß er für längere Stücke "2 Jahre Zeit braucht", wärend Sysex "eine halbe Stunde benötigt". Reiners Musik ist dabei weniger einordenbar, mehr unkonventionell, was uns veranlaßte, das Gespräch über Produktionen und Instrumente fortzuführen, allerdings auf dem eigentlich noch unerforschten Bereich ethnisch-folkloristischer Musik mit dem Hauptschwerpunkt auf dem Didjeridoo (vom Prinzip her nur ein normales Rohr), dem bekanntesten Volksinstrument der australischen Ureinwohner.)

S! Zu deinen Platten muß man sagen, daß sie auch im Vergleich ziemlich anders klingen, wohl auch im Einsatz der Instrumente. Bei deiner ersten Plus 8 stand die 909 und 303 in Vordergrund, bis man auf deiner dritten Plus 8 gar keine 303 mehr hörte.

Sysex: Ich habe sie aber eingesetzt, mikroskopisch, schwer erkennbar.

S! Ja, sie ist also doch vorhanden, aber nicht vordergründig. Bei deiner letzten U-Trax hast du sie wiederum vorangestellt auf der einen Seite jedenfalls, diese Seite will mir nicht so recht gefallen, während auf der anderen Seite der Titel "Darkside" hauptsächlich wegen seines interessanten Charakters auf mich wirkt. Wieder diese industrielle Detroitseele.

Sysex: Ich muß sagern, daß diese Seite mit besser grfällt, die andere Seite sind noch ein Rest 303-Trax, die ich releasen wollte.

S! Was hälst du damit von der 303? (Behaglich an seine Stuhllehne geschmiegt zuckt Heinrich)

Reiner: Es ist sein Liebling.

Sysex: Ich verwende sie gern, sie hat für mich besondere Qualitäten, aber ich finde, sie soll nicht alles sein. Eine erste Plus 8 verfolgte dieses Gerüst, was natürlich viele Ausdrucksvarianten einbeziehen kann. Bei meiner letzten Plus 8 trat sie weiter in den Hintergrund. Ich versuchte, meine Platten nicht gleich klingen zu lassen, sondern immer wieder reformiert, neuartig. Das sehe ich bei gleicher Instrumentenwahl irgendwann in Gefahr.

S! Du hast auch verhältinismaßig wenig Platten kreiert, welche sich aber und das ist das Hervortretende, immer wieder anders und dabei sehr emotionsorientiert anhören, egal welche stilistischen Merkmale.

Sysex: Derrik May hat 20 Platten in acht Jahren herausgebracht. Und seine Veröffentlichungen stellten und stellen für mich einen besonderem Satus dar. Derrik May ist, das spürt man auch heute sehr gut, einer der Musiker, der mit seinen Tracks viel von seiner Seele in die Musik eingebracht hat, der viel dafür gegeben habt. Das seine Platten zumeist denselben Stil verfolgen ist durch die Produktionsweise, wie ich finde, zurücktretend. S! Ich folgere daraus, daß du wahrscheinlich mehr ältere Sachen hörst und liebst. Gleichermaßen weißt du trotzdem um den Sinn neuerer Produktionen. Wie siehst du Techno?

Sysex: "Techno ist elektronische Musik, die versucht immer wieder etwas anders hervorzubringen", in dieser Art zitiere ich einen Auspruch von Derrik May. "To be First". Weiterhin hat Richi einmal gesagt, daß es nicht genügt, von Punkt a nach Punkt b zu gehen, sondern von a nach c. Dies soll allerdings von innen kommen.

S! Das zweite Zitat bringt eine sehr gute Darstellung einerseits in der mitklingenden Unregelmäßigkeit und der Unbefangenheit und zugleich des überraschenden Fortschrittes der in dem Auspruch zu Geltung kommen soll. In deiner Zufügung mit der Bedeutung der seelischen Im- und Expression heißt die, daß der Fortschritt durch Liebe und Bewußtsein für die eigene Kunst entsteht. Fortlaufend könnte man jetzt Platten sprechen lassen. Vor allem intern deiner letzten Plus 8 spürt man eine, gegenüber den Urvätern dieser Musik, ebenbürtige Mentalität. Sie war einzigartig, vielleicht nichtmal mehr der Punkt c.

Sysex: Danke.

S! Du mußt dir eigentlich selber danken.

Sysex: Willst du jetzt auf Jahn und Richis "Vielen Dank für alles" hinaus?

S! Die beiden waren es wohl.

Sysex: Das ging nicht von mir aus, es waren John und Richi, wieder einmal ganz spontan. Viele dachten zwar, so war es bekanntlich auch zu lesen, ich habe das eingebracht, um jene die mir nahestehenden Musiker zu würdigen, vielleicht verwirrte mich auch der Trackname "Goodbye". Die Idee ist allerdings sehr gut. Normalerweise ist die Platte sogar eine Fehlpressung, denn es fehlt ein Track, der eigentlich für die Veröffentlichung bestimmt war.

S! Also doch, ich habe da immer einen Kompromiß gewählt. Der eine Track, H2O, ist zweigeteilt.

Sysex: Der gehört wirklich zusammen, folglich ist einer zuviel abgedruckt, der nicht gepresst ist.

S! Die Platte, dominierend ist die Seite A, bleibt trotzdem würdigend für dich und deine musikalische Persönlichkeit. Was planst du nächstens auf Plus 8?

Sysex: Ich will versuchen eine LP zu veröffentlichen und ich hoffe, dies dieses Jahr zu erfüllen, denn traditionell kam bisher jedes Jahr eine Plus 8 von mir heraus. Außerdem, das ist der Grund warum es dieses Jahr für mich in musikalischer Richtung anspruchsvoller werden dürfte, sind wir gerade beim Aufbau eines eigenen Labels, das tue ich zusammen mit Oliver Bonzio. Gepreßt werden die Produktionen in den USA und durch John wird den Vertrieb Intellinet übernehmen, demnach würde ich es schon mehr ein amerikanisches Label nennen. Stilmäßig wird wohl hauptsächlich durch den den Hintergrund von Oliver und mir, Detroit und Chicago zu hören sein, Sachen wie wir sie mögen, trotzdem das wir mit dem Label viele Sachen verwirklichen wollen und somit ein Status erarbeitet sein soll. Im März/April sollte die 1. Release des Labels veröffentlicht sein, von mir und Oliver, was sich allerdings als erschwerlich herausstellt, da die nachfolgenden Produktionen schon fertig produziert sind, wir aber eine Platte von uns beiden zusammen als erstes Release haben wollen. Die angesprochenen Nachfolger werden dann Material von mir sein (Releases 2 - 4).

S! Wiederum mehr Produktionen von dir auf die man sich wohl freuen darf!

Sinngerecht behalte ich mir dieses als Abschluß vor, so wie er gemeinhin als würdig erachtet wird, obwohl Heinrich und ich noch weiterredeten, ununterbrochen, obgleich kulminiert durch den Live-Act von Sysex für dessen Qualität man ihm in musikalischeer Betrachtung und der Atmosphäre wegen, einmalmehr nur danke sagen kann, worüber er mich mehrmals fragte, ob ich dies ernst meinte. Künstlercharakter.


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(c) 1995, Sven Haubold (sh4@irz.inf.tu-dresden.de)