Das Wort Tresor ist in der Geschichte der Technobewegung in Berlin und Deutschland überhaupt ein Meilenstein, wofür sowohl der legendäre Club als auch das aus Interfish entstandene Label gleichermaßen verantwortlich zeichnen. Tresor brachte ohne Zweifel Techno und seine Pioniere von Detroit nach Berlin und von dort aus zumindest in alle östlich gelegenen Teile des Landes. Diese Tatsache und die, daß sich die konzeptionelle Richtung des Tresor nie verändert hat, veranlaßte uns zu diesem Interview. Unsere Fragen beantwortete Dimitri, der Kopf von Tresor und Tresor Records.

S! Tresor - das ist einmal das Label und andererseits der Klub. Was war zuerst da - das Huhn oder das Ei?

D: Wir sind ein kleiner Haufen, der spaltet sich einmal in den Klub und das Label, das ich zusammen mit zwei Mädchen betreibe. Wir haben ein kleines Büro und möchten auch nicht expandieren; die Wänd des Büros sind unsere Grenzen und weiter können wir nicht. Aber nur so konnten wir Tresor Records bis jetzt am Leben erhalten. Tresor Records veröffentlicht im Schnitt pro Monat ein Release. Wir sind ein Independentlabel und einige Kooperationen eingegangen, teilweise projektbezogen oder anders zeitlich begrenzt mit anderen Labels, zum Beispiel Mute und BMG/Logic. Label und Klub hängen unmittelbar zusammen, also Künstler, die bei uns Platten herausbringen, haben natürlich auch die Möglichkeit im Klub aufzutreten. Wir sind froh, zum Label einen Klub dazuzuhaben und somit immer an der Basis zu sein. Ich habe schon immer gesagt, der Tresor soll kein Rave-Club sein, sondern publikumsmäßig in einem gewissen Rahmen bleiben. Wir haben aber die Möglichkeit, bis zu 1500 Leute einzulassen wenn es richtig voll wird und draußen zu öffnen wenn es warm ist, um den Leuten die Möglichkeit zu bieten, sich in meheren Räumen oder Zonen zu bewegen, wie auf einer Art Abenteuerspielplatz.Es ist also nicht so, daß du in einen Raum reinokmmst und wenn überhaupt, dich nur zwischen Dancefloor und Bar hin- und herbewegen kannst. Das macht den Klub sehr attraktiv, denke ich. Wir stellen halt immer wieder fest, daß der Tresor die ideale Location ist, diese Stahlkammer, die wir da unter der Erde entdeckt haben und deren Wände Geschichten erzählen. Tresor ist Techno und nach wie vor d e r Techno - Klub. Ideal gelegen, im Herzen von Berlin und in unmittelbarer Nähe zum E - Werk. Ein weiterer Vorteil ist eben, wie gesagt der direkte Kontakt zur Szene durch sehr junges Personal, das im Schnitt ein Jahr dort arbeitet, manche auch länger. Seit Anfang diesen Jahres gibt es einige Umstrukturierungen, damit in den ganzen Laden ein wenig Ordnung reinkommt. Einerseits im Booking- und Programmbereich, aber auch bei der Getränkeversorgung, wo also jetzt auch darauf geachtet wird, daß es hinter dem Tresen nicht übermäßig abgeht.Und wir müssen natürlich zusehen, daß wir mit dem Geld, das wir einnehmen, ein bißchen arbeiten können. Der Tresor ist ja eine ewige Baustelle; ein Unwetter und alles steht unter Wasser. Das größte Problem ist demnächst anstehende Verkauf des gesamten Grundstücks, welches Eigentum des Bundes ist. Es wäre natürlich schade um den Klub, der nun seit viereinhalb Jahren an demselben Ort existiert und wir möchten, daß der Tresor an dieser Stelle weiterlebt und versuchen, mit den zukünftigen Besitzern an einen Tisch zu kommen, um das abzusichern. Auch der Senat möchte, daß der Klub weiter besteht, aber das ist die Entscheidung des Bundes. Der Potsdamer Platz soll mal so eine Art "Golden City" werden und insofern besteht natürlich die Gefahr, daß alles was noch steht, einfach plattgemacht wird. Das wäre eben schade, zumal der Tresor mittlerweile ein fester Bestandteil der Kultur hier in Berlin ist, wie die Loveparade auch...

S! Was in anderen Städten wie Dresden nicht der Fall ist...

D: Berlin hat schon durch seine Klubs und die Medien, die hier ansässig sind, sowie die vielen auch international bekannten DJ´s und Vordenker eine Stellung als Techno - Hauptstadt. Es wäre der falsche Weg, das aus finanziellen Gründen zu zerstören. Wie gesagt hoffen wir, da auf diplomatischem Wege weiterzukommen und weiterzuexistieren.

S! Tatsache ist ja, daß sowohl der Club als auch das Label eng mit der ganzen Geschichte in Berlin vebunden sind. Aber wie ist Tresor konkret aus Interfish hervorgegangen?

D: Interfish wurde 1987/88 gegründet und Tresor war eines seiner Sublabel. Interfish hat ausschließlich Elektroniksachen herausgebracht. Man hatte damals schon ziemlich Erfahrung gesammelt mit Festivals, die seit 1982 stattfanden und ein Podium sein sollten für neue Ausdrucksformen. So traten dort die Einstürzenden Neubauten auf, Spung Aus Den Wolken, die Notorischen Reflexe und andere Bands, die neue musikalische Formen entwickelten und diese dann hier präsentierten. Ich habe begleitende Festivals organisiert, ab dem zweiten auch internationale, wo dann auch ausländische Bands auftreten konnten wie Psychic TV, Laibach oder Front 242. 1989 fand dann das letzte dieser Festivals statt, in einer alten Kirche und mit 808 State, Baby Ford und Clock DVA, aber auch schon Final Cut aus Detroit, einer Industrial/EBM - Gruppe, angeführt von Jeff Mills, weißt du und so entwickelte sich der Kontakt. Und da wurde zum ersten Mal der Dancefloor zur Bühne und die Leute tanzten wieder. Die letzten Interfish - Releases waren dann auch von Final Cut und Clock DVA. Der Tresor - Klub öffnete dann im März `91 zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit der richtigen Musik. Jeff Mills hatte zu dieser Zeit Underground Resistance und die haben uns mit vielen Acts aus Detroit bestückt; das, was dort entstand, wofür sich dort niemand interessiert hat, das wurde in Berlin zum Auslöser einer Bewegung.

S! Tresor und Detroit wurden immer in einem Atemzug genannt, aber es sind ja nicht nur Leute aus Detroit, die auf Tresor erscheinen...

D: Schwerpunkt ist es schon nach wie vor. Wir versuchen, einen festen Stamm von Künstlern längerfristig zu begleiten, der sich größtenteils aus Detroiter Künstlern zusammensetzt, beziehungsweise überhaupt aus Amerikanern. Wir arbeiten mit Joey Beltram zusammen, der aus New York kommt und mit Marshall Jefferson, der in Chicago lebt. Unsere wichtigsten Detroit Acts sind Eddie "Fashin´" Fowlkes und Blake Baxter, hinzu kommen neue Gesichter wie Juan Atkins und Newcomer aus Detroit, die demnächst auf einer Compilation vorgestellt werden.

S! Es gab da diese Compilation "Berlin - Detroit: A Techno Alliance". Was hat es mit dieser Allianz auf sich? Gab es da einen Austausch?

D: Der Austausch funktionierte schon immer so, daß Acts aus Detroit nach Berlin kamen, eine Weile hier lebten, so zwei, drei, vier Wochen und im Tresor aufgelegt haben. Das war immer ausschlaggebend für diese enge Verbindung. Viele Leute haben dann ihren Aufenthalt verlängert und sind dann hier ins Studio gegangen, wie in das Lovepark - Studio von Basic Channel und Moritz von Oswald und wir haben das mitfinanziert und gleich auf Tresor herausgebracht. Manche haben auch Tracks aus Detroit mitgebracht und hier noch was dazuproduziert, oder es haben dann Berliner die Produktion übernommen, wie Thomas Fehlmann oder Moritz von Oswald. Aber es war auch so, daß wir uns menschlich immer sehr gut vertrugen und vertragen.

S! Und funktionierte das auch in entgegengesetzter Richtung, daß Berliner nach Detroit reisten und dort arbeiteten?

D: Das gab es noch nicht, da Detroit gar keinen Club hatte. Wir wollen ja eventuell einen Tresor Club dort eröffnen und wenn das klappt, wird es auch einen richtigen Austausch geben. Einige DJ´s aus Berlin waren wohl schon dort, aber nicht im Rahmen eines solchen Austausches.

S! Wie steht es eigentlich um Leute wie Moritz von Oswald oder Basic Channel; gibt es irgendwann Veröffentlichungen bei euch?

D: Von Basic Channel wird es auf Tresor Wiederveröffentlichungen geben. Was die konkret vorhaben in nächster Zeit, weiß ich auch nicht.

S! Tresor hat ja ein ziemlich großes Potential an guten Künstlern. Was ist das Rezept, womit ihr die haltet? Wie kommt es, daß die ganzen großen Namen aus den Staaten bei Euch Platten herausgebracht haben?

D: Das Geheimnis ist einfach, daß wir mit den Leuten vom rein Menschlichen her auskommen. Es ist nicht so, daß sie einfach nur was schicken, sondern es findet immer das Gespräch von Mensch zu Mensch statt; das ist eine wesentliche Sache, die alle Labels praktizieren sollten. Denn das wollen die Künstler auch, die wollen betreut werden, die wollen mal angerufen werden, die wollen einfach das Gefühl haben, daß das Verhältnis zu ihnen besteht und nicht nur zu ihrer Musik. Die suchen einerseits die kontinuierliche Arbeit und andererseits aber auch eine gewisse Geborgenheit. So hat sich in vier oder fünf Jahren bei uns ein Verhältnis entwickelt, das wirklich auf gegenseitigem Vertrauen beruht und wo man auch neu hinzukommenden trauen kann. Die menschliche Betreuung steht also im Vordergrund und der Vertrag, den wir natürlich zu jeder Produktion machen, legt lediglich ein paar Spielregeln fest. Wir handhaben es auch so, daß jeder jederzeit gehen kann, wenn er nicht mehr mag. Nur wenn uns einer ein DAT angeboten hat und das am nächsten Tag einem anderen Label anbietet, das find´ich nicht so gut. In so einem Fall würde ich dann sagen: OK, nehmt ihr es, dann habe ich auch kein Interesse mehr, mit diesem Menschen zusammenzuarbeiten. Ich sehe, daß die meisten Spannungen zwischen Act und Label entstehen, weil es irgendwelche Mißverständnisse gibt, die mit einem konstruktiven Gespräch schon aus der Welt geräumt werden können. Da muß man sich die Zeit auch nehmen, mal mit den Leuten zu reden. Daraus resultiert natürlich, daß wir nicht mit vielen arbeiten können, weil du es nicht schaffst, vielleicht fünfzig Künstler so zu betreuen, weißt du. Lieber im kleinen Kreis, da kennst du deine Pappenheimer, da gibt es das Problem nicht und da kann man sich drauf einstellen. Das Verhältnis zwischen uns und dem Künstler ist auch eher locker, also, ich sage auch nicht, Jeff, das geht nicht, du bist bei uns exklusiv, du darfst nichts auf Axis veröffentlichen, oder es muß über uns gehen, das mach' ich nicht. Man muß ihnen einfach ihren Freiraum lassen. Es ist ja nicht so, daß ich zu den Künstlern hingehe und sage, ich möchte, daß du zu diesem Thema eine Auftragskomposition schreibst, so wie das früher war. Wir geben den Leuten Denkanstöße und stellen ihnen frei, sich damit auseinanderzusetzen. Und entweder sie sagen, ist gar nicht schlecht Mensch und machen ein Konzeptalbum, oder sie sagen, das schaff´ich nicht. Das ist eigentlich auch immer fruchtbar; wir machen das nicht oft, sondern nur ab und zu ein bißchen als Herausforderung an die Musiker, neben ihrer normalen Arbeit. Der andere Weg ist der, daß zum Beispiel Jeff sagt, ich habe jetzt mit Robert Hood ein Album gemacht, das paßt weder in die Waveform- noch in die X - Serie und wir hören uns das an und es gefällt uns, dann wird das auch veröffentlicht, auch wenn es musikalisch eine völlig andere Thematik ist. Andererseits ist es so, daß Tresor vom Stil her schon ziemlich festgelegt ist und das ist im Grunde auch unsere Aufgabe, uns auf das Interessante im Technobereich zu konzentrieren. Im Herbst wird eine Reihe von Twelve Inchesvon ganz jungen Leuten veröffentlicht werden, die musikalisch sehr interessant sind und wo wir denken, daß die in drei, vier Jahren gute Acts werden können. Wenn mir jemand einen guten Track schickt, dann möchte ich natürlich mehr hören. Wir können sie dann auch schnell in Kontakt bringen mit unseren bekannteren Acts und fragen auch, was sie von denen halten und ob sich sich vorstellen können, Remixe zu machen und können dann auch die musikalische Entwicklung abschätzen. Die andere Frage ist natürlich immer genauso wichtig, die zwischenmenschliche Beziehung. Kann man mit dem Menschen arbeiten? Macht er es aus Leidenschaft? Ist es nur ein Zufallstreffer? Es besteht immer ein grundsätzliches Interesse, die Leute länger zu begleiten, bei ihrer Entwicklung dabei zu sein. Problematisch wird es, wenn einer wirklich angesagt ist und andere Labels winken mit Schecks und anderen verlockenden Angeboten. Wie Novamute, denen wir die Tresor 3 hingestellt haben und die haben jedem Act einen Brief geschickt, ob er nicht Lust hätte, dort ein Album zu machen. Das fand ich nicht so gut, zumal die alle Acts durch uns bekommen haben, selbst Ritchie Hawtin und das, was sie an eigenem Potential haben, sind teilweise grauenhafte Nummern. Ich kann Künstler verstehen, die das machen, aber man sollte darüber reden. Ich bin offen, mit mir kann man über alles reden.

S! Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Labels allgemein?

D: Die Zusammenarbeit mit Mute Records in London entstand aus der Überlegung heraus, daß sie viel Erfahrung haben und ihre Büros auf der ganzen Welt verteilt sind, sogar in osteuropäischen Staaten, wo wir noch keinen Zugriff haben. So entstanden diverse Sampler, aber auch Maxis. Für uns war der Vorteil, daß uns vor allem in den USA viel mehr Beachtung geschenkt wurde; es hieß dann, aus Germany kommt interessantes Technomaterial, obwohl die Compilations vielmehr Zusammenstellungen von Platten waren die ich gesammelt habe. Außerdem haben wir einen Deal mit BMG/Logic, aber hier können wir bis zu 5000 Einheiten selber verkaufen. Logic ist nun das ganze Gegenteil von dem, was wir machen; die haben etwa 40 Leute zu betreuen und brauchen natürlich ein paar Erfolge, was ich auch verstehe. So könnten wir nie expandieren, es sei denn, wir hätten den absoluten Volltreffer. Unser größter Wurf bisher die "Waveform 1" von Jeff Mills, liegt jetzt bei 10000 Einheiten und das ist nicht die Welt, denn ein Mensch wie Jeff könnte von solch einer Platte locker 30000 Einheiten verkaufen, denn sie ist einfach gut und die 10000 verkauften Einheiten sprechen ja für einen guten Geschmack. Aber, was ich halt vermisse, ist, daß die Leute zu sehr auf dieser Techno - Pop - Schiene eingefahren sind und kein bißchen forschen, was es noch alles gibt. Jeff ist ja auch kein Unbekannter Ich finde, er ist nach wie vor führend. Seine "Waveform 3" haben wir über BMG herausgebracht, in der Hoffnung, daß sie auch in den USA und Japan verkauft wird, was aber nicht passiert ist, weil die auch strukturelle Probleme hatten. Außerdem sind wir das einzige Technolabel bei BMG, das sich stilmäßig abhebt, und da muß man auch die richtigen Leute in der Firma finden, die sich dafür interessieren; wenn die alle mehr auf Low Spirit stehen, kommen wir auch nicht weiter.

S! Ist Other Side Records auch ein Label, mit dem ihr zusammenarbeitet?

D: Other Side ist das eigene kleine Independentlabel von Marshall Jefferson. Mein Plan war, das Thema House in Deutschland amtlich zu belegen, House ist ja jetzt ein Thema in Deutschland, nicht zuletzt durch die Strictly Rhythm - Touren und ich habe eine Industriefirma gesucht, die mir bei diesem Projekt hilft und habe keine gefunden. Es soll ein Pendant zu Strictly Rhythm werden, das dann Other Side Records heißt und seinen Sitz hier in Berlin haben könnte.

S! Das heißt, daß House ein weiterer Schwerpunkt bei Tresor sein könnte?

D: Wir würden es schon über Tresor machen wollen, aber wir schaffen es nicht; es würde unsere Kapazität sprengen. Es würden mehr Räume benötigt und mehr Leute und das läßt sich finanziell nicht abdecken. Deshalb bleiben wir erstmal bei unseren Leisten und setzen uns dafür ein, unseren kleinen Rennstall am Leben zu erhalten.

S! Wie sieht die Zukunft soundmäßig aus bei Tresor? Habt ihr da bestimmte Vorstellungen oder überlaßt ihr das den Acts? Wo seht ihr experimentelle Grenzen?

D: Techno und seine Zukunft sind ein sehr ernstes Thema. Einer der wenigen, die sich immer wieder mit der Zukunft auseinandersetzen, ist Jeff Mills, und sein neues Album ist sehr experimentell. Es ist eine Mischung aus experimentellen und Dance Tracks, so daß die Leute durch das Anhören der ganzen CD gezwungen sind, sich damit auseinanderzusetzen und vielleicht eine Zuneigung zu experimentellen Sachen gewinnen. Leute wie Jeff Mills, die sich wirklich ernsthaft mit diesen Ausdrucksformen beschäftigen, werden und immer Wege zeigen. Was auch sehr interessant wäre, wenn vielleicht Brian Eno und Jeff Mills ein Konzeptalbum machen würden. Oder Kraftwerk. Das würde mich schon reizen. Dafür würde ich auch Geld zur Verfügung stellen.

S! Vielleicht kommt es ja noch dazu. Auf jeden Fall vielen Dank für das ausführliche Interview.


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