WALKER

In der flachen Pagode der plastischen Verformung ist alles anders als sonst. Wegen der klirrenden Kälte stehen Mönche und Pilger im Gang und um den Heiligen Brunnen herum und trauen sich nicht in den finsteren Altarraum. Es muß wohl an der fettigen Musik liegen, die von dort in den Gang schwappt und in etwa ankündigt, was geschehen wird: Neben einigen Kölnern gibt es heute Walker zu hören. Man schließt die Augen und sieht die Statisten auf dem Opferaltar zittern. Die richtigen Anhänger der fettigen Musik beschwören erst recht den Körperverbiegungskult. Auffallend an der Stirnwand des Kirchenschiffes steht ein riesiges Blockstellwerk mit erlesenem Equipment. Diejenigen, die die drei eingelassenen 303's erblicken, kriegen sich gar nicht mehr ein. Als die Stimmung angemessen ist, kriegt das Blockstellwerk volle Energie. Ingmar Koch (Walker) und Thomas vom 42 dp, die zusammen "Pierrot Premier" heißen, geben sich alle Mühe, aber das Publikum steht wie angewurzelt da und starrt bloß. Ein paar vereinzelte Unbeirrte tanzen, aber sonst... Sehr interessantes Detail ist Walkers Kopfhörermikrofon, mit dessen Hilfe er zusätzliche Geräusche oder Vocals zu der sonst monotonen trippig-experimentalen Acid-Musik erzeugt. Der Liveact von Pierrot Premier geht zwei Stunden. Erschöpft sitzen die beiden in der Ecke und nippen am Bier. Endlich mal eine Gelegenheit, mit vor allem Walker ins Gepräch zu kommen. Auf dem Weg zum Chill Out Deck erzählt Ingmar mir, was für Probleme Thomas und er mit der Anlage hatten. Die Monitorbox ließe sehr zu wünschen übrig. Und mit dem Publikum waren die beiden auch nicht zufrieden. Ich erkläre ihm das Phänomen, daß bei ungewöhnlicher Musik von ungewöhnlichen Leuten die Zuschauer immer erstmal nur zuschauen. Er erwidert, daß bei einem ähnlichen Set in Köln etwa 300-400 Leute regelrecht ausrasten würden und daß er sowas wie hier noch nie erlebt hätte. Dabei war sein Live Act gar nicht schlecht. Nur daß er, wie viele Air-Liquide-Platten, wieder völlig anders klang, als man es sich vorgestellt hatte. Ich sagte zu ihm, daß viele wohl noch nicht reif sind für tiefgehende Experimente und will wissen, wie lange er schon musikalisch tätig ist, worauf er antwortet, daß es jetzt zehn Jahre sind. "Mein Glück war, daß meine Eltern weder eine Stereoanlage, noch einen Fernseher, noch ein Radio hatten, so bin ich in den ersten dreizehn Jahren meines Lebens komplett um Rockmusik und so weiter drumherumgekommen. Als ich dann begann, selbst ein Interesse zu entwickeln, geriet ich gleich an elektronische Sachen wie Jarre oder Tangerine Dream. Nachdem ich ein halbes Jahr lang elektronische Musik gehört hatte, wollte ich selbst einen Synthesizer haben und habe meine gesamte Verwandschaft gelöchert, daß ich unbedingt so ein Teil brauche." Und hat man dann endlich einen, will man noch einen und noch einen und mit sechzehn produzierte Ingmar Koch seine ersten Stücke. Der Frankfurter geriet 1990 an die Kölner Acidszene, wo er Jammin Unit, Mike Ink und Jörg Burger kennenlernte und mit ihnen Structure gründete sowie als erstes Release "We Are Structure" produzierte. Walker studierte an der Kölner Musikhochschule Elektronische Komposition und angewandte Computermusik, was die entscheidende Quintessenz der Mille-Plateaux-Idee sein sollte. "Jedesmal, wenn man mit irgendwelchen Harmonien begann, schlug der Professor nur die Hände über dem Kopf zusammen und hat gemeint: Laß den Scheiß. Wir machen moderne Sachen. Wir machen keine herkömmlichen Melodien, Rhythmen oder Harmonien - nichts, was konventionellen Lehren entspringt. Es gibt kein C-Dur." Dieses Studium vermittelte auch die musikalische Freizügigkeit, die Air Liquide heute verkörpert. Man hatte die Freiheit zu machen, was man für richtig hielt. Zwar gibt es in der Elektronischen Komposition grobe Vorgaben, aber bei deren Ausarbeitung kann man sich frei bewegen. "Man fertigt ein Script in Form von Grafiken oder Texten und wenn dieses als ausgereift genug befunden wird, bekommt man einen Platz im Studio und kann es umsetzen." Walker ist ein richtiges Multitalent, das in großer Anzahl Label und Projekte bertreibt. Die bekanntesten Projekte sind wohl Air Liquide und Global Electronic Network und unter den Labels, an denen er mitarbeitet, sind Djungle Fever, Blue, XXC 3 und Structure diejenigen, die er allein betreibt bzw. betrieben hat, denn bis auf Blue und XXC 3, das für Ambient der konventionelleren Art steht, ist alles eingestellt worden. Für Djungle Fever gibt es ein Nachfolgelabel, Electrobunker Cologne, benannt nach dem gleichnamigen Kölner Club. "Anfang nächsten Jahres kommen die ersten fünf Scheiben raus." Das Klangspektrum von Walkers Produktionen oder solchen, an denen er mitwirkt, ist außerordentlich vielschichtig, reicht von abgedrehten übersteuerten lauten Acid Tracks auf Djungle Fever über etwas verträglichere Kost auf Structure und sehr elektrische Listening Music ("Radiowaves" mit Khan) bis hin zu ambienten Tunes ("Turkish Bath", ebenfalls mit Khan). Nichts ist unmöglich - das beste Beispiel hierfür ist Air Liquide. Walker verbindet einerseits mit Air Liquide musikalische Freiheit in alle Richtungen, andererseits stellt er fest, daß Air Liquide den Gesetzen der Popmusik unterliegt. Was eigentlich einen großen Widerspruch darstellt, denn der für Popmusik charakteristische Zwang, nur im Rahmen bestimmter Vorgaben kreativ sein zu können, existiert ja nicht, im Gegenteil Air Liquide soll etwas sein, was Vorgaben, Grenzen sprengt. "Das ist natürlich schon eine provokante These, daß Air Liquide den Gesetzen der Popmusik unterliegt. Aber in dem Augenblick, wo du einigermaßen erträgliche Zahlen verkaufst, bist du in einer Maschinerie drin und das bedeutet, daß du Auflagen erfüllen mußt. Für größere Stückzahlen vielleicht Videoclips machst oder Pressefotos. Dann ist das Ganze nur noch normales Schallplattenbusiness. Was du als Band selber machst, ob du dich mit der Presse abgibst oder nicht, ist deine Sache, da kann sich keiner einmischen. Aber davon abgesehen läuft das schon nach Popmusik-Maßstäben ab." Harvest ist in der Electronic-Szene ein renommiertes Label, auf dem früher Werke von Pink Floyd, Deep Purple und Brain Eno erschienen und das dann plötzlich für zwei Jahre verschwand. Daß jetzt Air-Liquide-Platten auf Harvest erscheinen, unterstreicht wohl die These von der Popmusik. Anders als diese kommt Air Liquide immer anders, als man denkt. (If There Was No Gravity. Ein Kinderlied, das ganz bewußt wie ein Kinderlied klingen sollte. Der Text und die Vocals entstammen der berühmtesten Poptexterin der späten Achtziger, die Texte für Milli Vanilli usw. geschrieben hat.) Das hängt damit zusammen, daß Walker kaum Platten hört. Wenn doch, dann zumeist welche aus dem Popbereich. Einerseits bereitet ihm das vielmehr Freude und andererseits vermeidet er so die Beeinflussung seiner Produktionen durch anderer Leute Werk. "Wenn mir jemand sagen würde, meine neue Platte klingt wie Madonna, dann könnte ich damit leben." Deswegen ist alles so anders und deswegen stehen die Leute nur da und schauen. Aber Walker hat Erfolg mit seinen Projekten. Vor allem im Ausland gelten Global Electronic Network und Air Liquide als die erfolgreichsten Projekte auf dem Experimentalsektor. Sie begründeten das, was heute als Trip Hop in aller Munde ist. Auf G.E.N.-Picturediscs verewigen sich bekannte Zeichner und Fotografen aus den Staaten, in denen Scheiben von G.E.N. und Air Liquide gefragte Kunstobjekte sind. So liefert Walker mit Air Liquide den Soundtrack für eine einzigartige Performance, die schon lange angekündigt wird und nun im nächsten Jahr stattfinden soll: B-52-Bomber, mit riesigen Projektoren bewaffnet, werfen riesige Bilder auf Hawaii, die dann aus der Höhe gefilmt werden und via Satellit in der ganzen Welt zu sehen sind. Dazu gibt es, ebenfalls über Satellit, den Soundtrack von Air Liquide. Ein Spektakel, welches etwa 15 Millionen Dollar kosten wird. Walker fragt sich, ob es nicht vielleicht sinnvoller wäre, mit dem Geld ein paar hilfsbedürftigen Leuten unter die Arme zu greifen. Und endlich stellt sich auch hierzulande der Erfolg ein, der schon längst fällig ist. Zuerst waren es die Picture Discs, die Aufsehen erregten. Robot Wars. Gezeichnet von derselben Hand, die die Star-Wars- Idee erstmals zu Papier brachte. Und Walker hat zu "Robot Wars" eine Beziehung besonderer Art: einmal im Jahr finden Kämpfe ferngesteuerter Roboter in Form einer richtigen Meisterschaft statt, zu der Läufe in England und den Staaten stattfinden. In Zweikämpfen stehen sich ferngesteuerte Roboter gegenüber. An diesen Robot Wars nimmt auch ein Air Liquide Roboter teil. "Man darf sich die Roboter nicht als Streitmechanismen vorstellen, denn sie basieren auf Kettenfahrzeugen." Aus der Ferne gesteuert werden dann Funktionen wie Sägen oder Schneidbrenner oder in ganz aussichtslosen Fällen Selbstzerstörungseinrichtungen. Zusammen mit einem anderen Team begründeten Air Liquide innerhalb der Robot Wars die "RobotGladiators"-Klasse, weil man es "affig fand, wie sich die kleinen Autos rammen". In dieser neuen Klasse kämpfen Geräte, die doch mehr mit Robotern als mit ferngesteuerten Autos gemein haben und etwa acht Meter hoch sind. Walkers Eltern sind Archäologen. Sie waren es, die ihn während eines längeren Syrienaufenthaltes in ihren Landrover setzten und sagten: "Fahr doch mal ein Stück." Aber er hatte doch gar keinen Führerschein! "In Syrien braucht man keinen Führerschein." Nachdem er, wieder in Deutschland, nach zwei Fahrstunden seinen Führerschein bestanden hatte, war sein erstes Auto wieder ein Landrover. Irgendwann kam er an einen Mazda RX 7 Turbo, der ihn so begeisterte, daß er noch heute davon schwärmt: "Ein richtiges Gerät. Flach wie eine Flunder und Spoiler rundum. Mit dem bin ich gefahren wie ein Henker." Ein Freund von ihm, der sich das Gerät einmal lieh, offenbar auch. Er wußte das permanente Summen nicht als akustischen Überlastungsschutz zu deuten und fuhr von Frankfurt nach Köln im dritten Gang. Danach war das Triebwerk reif für die ewigen Jagdgründe. Und ein gebrauchten Motor für ein Auto aufzutreiben, das nur 2000mal gebaut wurde, ist verständlicherweise ein aussichtsloses Unterfangen. So mußte Ingmer sich schweren Herzens von dem RX 7 trennen. Jetzt fährt Walker einen Unimog Baujahr 1966 und ist wieder begeistert. Begeistert von der Erhabenheit der neunzig PS über jedes Gelände. " Du ziehst den Schalthebel aus dem normalen Schaltschema etwa einen halben Meter zurück und hast drei Geländegänge mit drei festen Geschwindigkeiten. Damit kommst du überall durch." Diese Off - Road - Vorliebe kommt nicht von ungefähr. Ingmar erzählt von einem Plattendeal nach Rußland, für den als Entgelt drei russischen Militärjeeps den Besitzer wechseln sollten. "Schade nur, daß es nicht mehr zu diesem Plattendeal kam, weil der Vermittler sich vor dem Zustandekommen bei einem Verkehrsunfall selbst killte." Zur Zeit weilt Walker in New York und arbeitet mit Khan am Follow Up zur "Radiowaves", welches "Empire State Building" heißt und auf Harvest erscheint. Dazu gibt es eine Vorauskopplung die, so hofft man, noch vor Weihnachten auf XXC 3 erscheinen wird. "´Empire State Building´ erscheint zunächst auf unserem Label und im Februar oder März dann auf Harvest." Mittlerweile laufen die Telefonleitungen von Khans Wohnung in New York zum Preßwerk in Kalifornien heiß und nebenbei kommt noch die eine oder andere Idee für neue Tracks. Ansonsten ist man gerade dabei, das Bowlingbahn-Studio auszuräumen, um in ein anderes zu ziehen, nachdem im "Keyboards" die Adresse abgedruckt worden war. Da Walker erst im Januar aus New York zurückkehrt, obliegt diese Aufgabe Thomas, der nach einem Wohnungsbrand in der Bowlingbahn wohnt. Um Langfinger sorgt man sich aber eher sekundär, hat man doch schon Probleme, die Tür mit dem Schlüssel aufzubekommen. Wir freuen uns, wieder einige interessante Leute kennengelernt zu haben und sind gespannt auf die nächsten Erscheinungen und auch darauf, was aus dem geplanten Ambient Cafe´ wird. Sonne


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(c) 1995, Sven Haubold (sh4@irz.inf.tu-dresden.de)